Du sitzt im Elterngespräch in der Schule. Die Lehrerin schaut dich mit diesem besonderen Blick an, es ist eine Mischung aus Mitgefühl und leichter Verzweiflung und erklärt: «Also, Max kann sich einfach nicht konzentrieren. Er stört ständig, vergisst seine Sachen und scheint nie zuzuhören…»

Oder vielleicht sitzt du abends auf dem Sofa, während dein Kind zum fünften Mal heute eine Wasserflasche umgeworfen hat, mitten im Satz das Thema wechselt und so fest mit den Füssen wippt, dass der ganze Tisch wackelt. Und du fragst dich: Ist das einfach so bei Kindern in dem Alter oder ist da doch irgendwie mehr?

So geht es viele Eltern, die sich wundern, ob ihr gefühlsstarkes, bedürfnisstarkes, herausforderndes Kind vielleicht doch ADHS hat oder vielleicht hast du auch eine Diagnose und wunderst dich, wie du gut mir der Situation umgehen kannst.

Damit bist du ganz und gar nicht alleine. Denn etwa 5-7% aller Kinder und Jugendlichen haben ADHS (Polanczyk et al., 2015). Das bedeutet: In jeder Schulklasse sitzen statistisch gesehen ein bis zwei Kinder, deren Gehirne auf diese besondere Art funktionieren. Und wichtig zu wissen: Es gibt unzählige Wege, wie du dein Kind liebevoll und kompetent begleiten kannst, mit weniger Katastrophenszenarien oder dem Gefühl, dass irgendetwas «falsch» mit deinem Kind wäre.

Die Herausforderung liegt häufig darin, den passenden Weg für dich und deine Familie zu finden. Und natürlich darin, dass es schlicht anstrengender ist im Alltag mit einem Kind welches nicht zu den Regulationsstarken (oder umgangssprachlich auch «Einfache» genannt) gehört.

In diesem Artikel erkläre ich Grundlegendes zu ADHS, Kindern mir ADHS und vor allem dazu, wie du als Elternteil eines Kindes mit (vielleicht) ADHS gut durch den Alltag kommst.

Was ist ADHS eigentlich? Es ist komplizierter als «Zappelphilipp»

ADHS ist keine Modeerscheinung, sondern Neurobiologie

Beginnen wir mit dem, was ADHS nicht ist: Es ist keine Erfindung der modernen Gesellschaft, keine Folge von zu viel Bildschirmzeit und auch nicht das Ergebnis «schlechter Erziehung». ADHS – die Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (wobei mich und viele andere der Begriff «Störung» eigentlich stört, aber dazu später mehr) – ist eine neurobiologische Besonderheit in der Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet.

Wissenschaftlich ausgedrückt: Bei ADHS funktioniert die Regulation von Botenstoffen wie Dopamin und Noradrenalin im Gehirn anders (Faraone & Larsson, 2019). Diese Botenstoffe sind unter anderem für Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Motivation zuständig. Stell dir vor, dein Gehirn ist eine Autobahn; bei neurotypischen Gehirnen fliesst der Verkehr meist geregelt, auch hier gibt es manchmal Staus. Bei ADHS-Gehirnen gibt es jedoch sehr viele Auf- und Abfahrten, langweilige Spuren sind gesperrt und wer einmal auf der Überholspur ist, fährt dort in hoher Geschwindigkeit ohne links und rechts zu gucken.

Das Resultat? Ein Kind, das gleichzeitig tausend Gedanken hat, bei Dingen, die es interessieren, in einen absoluten Hyperfokus verfallen kann und bei uninteressanten Aufgaben gefühlt gegen eine unsichtbare Wand ankämpft.

Der Unterschied zwischen ADS und ADHS

Die kurze Antwort: Heute spricht man medizinisch nur noch von ADHS, unterteilt in verschiedene Ausprägungen:

  1. ADHS mit vorwiegend hyperaktiv-impulsivem Erscheinungsbild: Das, was man sich gemeinhin unter ADHS vorstellt; das Kind rennt, klettert, kann nicht stillsitzen, redet wie ein Wasserfall.
  2. ADHS mit vorwiegend unaufmerksamem Erscheinungsbild: Das, was früher als «ADS» bezeichnet wurde. Hier fällt das Kind weniger durch Bewegungsdrang auf, sondern eher durch Tagträumen, Vergesslichkeit und Schwierigkeiten, den Fokus zu halten.
  3. ADHS mit kombiniertem Erscheinungsbild: Eine Mischung aus beiden, dies ist die häufigste Form.

Der alte Begriff «ADS» (ohne das «H» für Hyperaktivität) wird im medizinischen Kontext nicht mehr verwendet, aber viele Menschen kennen ihn noch. Wichtig zu wissen: Kinder mit dem unaufmerksamen Typ werden oft übersehen, weil sie nicht «stören». Sie sitzen ruhig da, sind aber gedanklich drei Planeten weiter (Barkley, 2015).

Was passiert im ADHS-Gehirn?

Forschung zeigt uns faszinierende Dinge über das ADHS-Gehirn. Neuroimaging-Studien haben herausgefunden, dass bestimmte Hirnregionen, besonders im präfrontalen Kortex, der für Exekutivfunktionen zuständig ist, strukturelle Unterschiede aufweisen können (Shaw et al., 2007). Das bedeutet nicht «defekt», sondern einfach «anders verdrahtet».

Das ADHS-Gehirn:

  • Filtert nicht so rasch die vermeintlich wichtigen von unwichtigen Reizen und nimmt alles gleichzeitig wahr.
  • Braucht oft stärkere Stimulation, um in Gang zu kommen (deshalb arbeiten zum Beispiel manche Kinder mit ADHS besser unter Zeitdruck).
  • Erlebt Zeit anders: «Jetzt» und «nicht jetzt» sind oft die einzigen Zeitkategorien.
  • Hat oft brillante kreative Eingebungen, weil es Verbindungen sieht, die andere übersehen.

Russell Barkley, einer der führenden ADHS-Forscher, beschreibt ADHS als «Kurzsichtigkeit gegenüber der Zukunft» (Barkley, 2012). Das Gehirn hat Mühe, zukünftige Konsequenzen so lebendig zu fühlen wie die Gegenwart.

ADHS Symptome bei Kindern: Wie erkenne ich, ob mein Kind ADHS hat?

ADHS Symptome bei Kindern: Was du beobachten kannst

Wenn du dich fragst, ob dein Kind ADHS haben könnte, ist es wichtig zu verstehen: Es geht nicht um ein oder zwei Symptome. Jedes Kind ist manchmal unaufmerksam, impulsiv oder zappelig. Bei ADHS zeigen sich diese Verhaltensweisen jedoch:

  • Über mindestens sechs Monate
  • In mehreren Lebensbereichen (zu Hause, in der Schule, bei Freunden)
  • In einem Ausmass, das deutlich über das altersübliche Verhalten hinausgeht
  • Mit spürbaren Auswirkungen auf das alltägliche Leben

Laut DSM-5, dem diagnostischen Manual für psychische Auffälligkeiten, gibt es drei Hauptbereiche:

1. Unaufmerksamkeit

Dein Kind…

  • Übersieht häufig Details oder macht Flüchtigkeitsfehler
  • Hat Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten
  • Scheint nicht zuzuhören, wenn man direkt mit ihm spricht (der berühmte «durchlässige» Blick)
  • Führt Anweisungen nicht zu Ende und schliesst Aufgaben nicht ab
  • Hat Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
  • Vermeidet oder ist abgeneigt gegenüber Aufgaben, die längere geistige Anstrengung erfordern
  • Verliert häufig Gegenstände (Stifte, Hausaufgaben, Jacke,….)
  • Lässt sich leicht durch äussere Reize ablenken
  • Ist bei alltäglichen Aktivitäten häufig vergesslich

2. Hyperaktivität

Dein Kind…

  • Zappelt mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum
  • Steht in Situationen auf, in denen Sitzenbleiben erwartet wird
  • Läuft herum oder klettert in unpassenden Situationen (Teenager und Erwachsene fühlen oft nur noch eine innere Unruhe)
  • Hat Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten zu beschäftigen
  • Ist häufig «auf Achse» oder handelt, als wäre es «getrieben»
  • Redet übermässig viel

3. Impulsivität

Dein Kind…

  • Platzt mit Antworten heraus, bevor Fragen zu Ende gestellt wurden
  • Hat Schwierigkeiten zu warten, bis es an der Reihe ist
  • Unterbricht oder stört andere häufig bei Gesprächen oder Spielen
  • Reagiert emotional sehr intensiv: Wut, Freude, Frustration kommen wie aus dem Nichts und fühlen sich überwältigend an

Wenn ADHS übersehen wird: Die unsichtbaren Mädchen

ADHS wird bei Mädchen und Menschen, die nicht dem stereotypen «Zappelphilipp»-Bild entsprechen, deutlich seltener diagnostiziert. Das liegt nicht daran, dass ADHS bei ihnen seltener vorkommt, sondern daran, dass die Diagnostik lange auf hyperaktive Jungen ausgelegt war und teilweise immer noch einen stärkeren Fokus darauf hat (Quinn & Madhoo, 2014).

ADHS zeigt sich unterschiedlich:

Bei Mädchen und Menschen mit weiblicher Sozialisation häufig:

  • Vorwiegend unaufmerksamer Typ (weniger sichtbare Hyperaktivität)
  • Frühere Entwicklung von Kompensationsstrategien (wirken nach aussen unauffälliger)
  • Internalisierung von Problemen (Ängste, Depressionen, niedriges Selbstwertgefühl)
  • Werden als «verträumt», «schusselig» oder «chaotisch» abgetan

Bei Jungen und Menschen mit männlicher Sozialisation häufig:

  • Stärker nach aussen gerichtete Symptome (Bewegungsdrang, störendes Verhalten)
  • Werden schneller als «problematisch» wahrgenommen und diagnostiziert
  • Externalisierung von Problemen (Wut, Aggression)

Das Resultat?

Kinder, die nicht ins klassische Bild passen, egal welchen Geschlechts, werden oft erst Jahre später oder gar nicht diagnostiziert. Aktuell werden viele erst in der Pubertät oder im Erwachsenenalter diagnostiziert, wenn die Anforderungen steigen und Kompensationsmechanismen nicht mehr ausreichen. Auch non-binäre und trans Personen berichten häufig, dass ihre ADHS-Symptome lange übersehen wurden, weil sie nicht den geschlechtsspezifischen Erwartungen entsprachen.

Ist ADHS vererbbar? Die Rolle der Gene

Eine häufige Frage ist, wie sehr ADHS vererbbar ist. Die Antwort: Sehr! ADHS hat eine Erblichkeit von etwa 70-80%. Das ist viel höher als die häufige Antwort bei vielen neurologischen Besonderheiten, wo die Werte häufig so um 50% angenommen werden (Faraone & Larsson, 2019).

Das bedeutet: Wenn ein Elternteil ADHS hat, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ebenfalls ADHS hat, bei etwa 40-50%. Oft kommt es vor, dass Eltern erst durch die Diagnose ihres Kindes erkennen: «Moment mal, das kenne ich von mir…»

Auch wenn ADHS eine starke genetische Komponente hat, spielen Umweltfaktoren, Unterstützungssysteme und Bewältigungsstrategien eine riesige Rolle darin, wie sich ADHS im Leben eines Menschen auswirkt.

Der Weg zur Diagnose: Was dich erwartet

Du vermutest, dass dein Kind ADHS haben könnte? Der erste Schritt: keine Panik. Eine Abklärung bedeutet nicht eine lebenslange «Etikettierung», wie es viele Eltern befürchten, sondern kann immens helfen, dein Kind besser zu verstehen und passend zu unterstützen.

Und manchmal ist die Etikette schwieriger, wenn geglaubt wird, das Kind «könne sich einfach nicht benehmen» und die Verantwortung für das Verhalten des Kindes den Eltern oder dem Kind zugeschoben werden. Was ich persönlich nie für eine gute Taktik halte.

Wer diagnostiziert ADHS?

Die Diagnose sollte immer von Fachleuten gestellt werden:

  • Kinder- und Jugendpsychiater:innen oder – psychologinnen.
  • Spezialisierte Kliniken
  • Am besten wendest du dich direkt an eure Kinderärztin oder Kinderarzt, um zu erfahren, wie die Diagnostik beantragt werden kann.

Eine seriöse ADHS-Diagnostik umfasst:

  • Ausführliche Anamnese (Entwicklungsgeschichte, Familiengeschichte)
  • Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte
  • Verhaltensbeobachtungen
  • Testungen der Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Ausschluss anderer Ursachen (Hör- oder Sehprobleme, Schilddrüsenunterfunktion, Traumata)

Wichtig: Eine zuverlässige Diagnose kann man nicht in einem einzelnen 15-Minuten-Termin stellen. Sei skeptisch, wenn jemand nach einem kurzen Gespräch sofort eine Diagnose gibt.

Wartezeiten überbrücken

Die Realität sieht leider oft so aus: Du bekommst einen Termin für die Diagnostik; in acht Monaten oder auch erst in 1 1/2 Jahren. Was machst du in der Zwischenzeit?

Dokumentation kann helfen:

  • Ein kurzes Tagebuch über Situationen, die du als schwierig empfindest, gibt dir später wertvolle Einblicke
  • Halte auch positive Momente und Stärken deines Kindes fest, diese können im Alltag oft untergehen
  • Rückmeldungen von Lehrkräften und Erzieher:innen können ein klareres Bild geben

Hilfreiche Strukturen etablieren:

  • Feste Routinen geben Orientierung und Sicherheit
  • Visuelle Hilfsmittel (dazu gleich mehr) machen Unsichtbares sichtbar
  • Reizarme Umgebungen schaffen Raum zum Durchatmen

Wissen sammeln:

  • Bücher von Expert:innen wie Russell Barkley oder Cordula Neuhaus können Zusammenhänge erklären
  • Achte dabei auf seriöse, wissenschaftlich fundierte Quellen – nicht alles, was im Internet steht, ist hilfreich

Unterstützung für dich selbst:

  • Der Austausch mit anderen Eltern kann unglaublich entlastend sei. Du bist nicht allein mit diesen Herausforderungen (Selbsthilfegruppen sind oft ein guter Anlaufpunkt)
  • Deine eigenen Auszeiten und Selbstfürsorge sind keine Luxus, sondern notwendig
  • Wenn du merkst, dass dich Gefühle wie Überforderung, Wut oder Ohnmacht im Umgang mit deinem Kind begleiten, kann es wertvoll sein, dir professionelle Unterstützung zu suchen. Eine Mentorin oder Beraterin kann dir helfen, dein Kind besser zu verstehen und neue Wege im Alltag zu finden. Wenn du magst, erreichst du mich unter goni@mamaleicht.ch.

Dein Kind mit ADHS begleiten: Praktische Strategien für den Alltag

Jetzt kommen wir zum Herzstück: Was kannst du konkret tun? Wie gestaltest du den Alltag so, dass dein Kind nicht ständig an unsichtbaren Hürden scheitert, sondern sein Potenzial entfalten kann?

Struktur ist sehr wichtig für ganz viele Kinder mit ADHS (aber flexible Struktur), jedoch auch nicht für alle

Viele ADHS-Gehirne brauchen äussere Struktur, weil die innere Struktur schwieriger aufzubauen ist. Aber Achtung: Struktur bedeutet nicht militärische Strenge, sondern vorhersehbare Abläufe und klare Orientierung.

Morgenroutine:

  • Schritte visualisieren (Bilder oder Liste: Zähne putzen, anziehen, frühstücken, Tasche packen)
  • Dinge an festen Orten platzieren (Schulranzen immer an derselben Stelle)
  • Genug Pufferzeit einplanen (auch wenn andere 20 Minuten brauchen oder wir glauben, «man» sollte dafür nur 20 Minuten brauchen)
  • Timer oder Musik als Zeitgeber nutzen («Wenn das Lied zu Ende ist, sind die Schuhe an»)

Hausaufgaben:

  • Feste Zeiten (direkt nach der Schule oder nach einer Pause)
  • Reizarmer Arbeitsplatz (nicht am Küchentisch während des Familientrubels)
  • Kurze Arbeitseinheiten mit Pausen (zum Beispiel 25 Minuten arbeiten, 5 Minuten Pause, auch bekannt als die Pomodoro-Technik)
  • Bewegungspausen einbauen (beispielsweise 5 Hampelmänner zwischen Matheaufgaben)

Schlafenszeit:

  • Rituale, die runterfahren helfen (dimmes Licht, ruhige Aktivität, Vorlesezeit)
  • Bildschirme mindestens eine Stunde vorher ausschalten (blaues Licht hemmt Melatoninproduktion)
  • Gewichtdecken können helfen (das Gefühl von Druck wirkt beruhigend)

Klare Kommunikation: Weniger ist mehr

ADHS-Gehirne verarbeiten Informationen anders. Lange Anweisungen oder Vorträge verpuffen oft ins Nichts. Stattdessen:

Einfache, konkrete Anweisungen:

  • Nicht: «Könntest du bitte mal nach oben gehen und dein Zimmer aufräumen, und vergiss nicht, die schmutzige Wäsche in den Korb zu tun und die Fenster zu öffnen?»
  • Besser: «Packe bitte in deinem Zimmer alle Kapla Steine wieder in die Packung.» Eine Aufgabe, die klar formuliert ist. «Aufräumen» kann schon zu unklar sein. Wenn diese Aufgabe erledigt ist, erst die nächste anbringen.

Augenkontakt herstellen: Geh zu deinem Kind hin, statt über mehrere Räume zu rufen. Berühre es sanft an der Schulter und schaue ihm in die Augen, wenn es das mag. Sag aber nicht, es müsse dir auch in die Augen schauen.

Nachfragen: «Was hast du gerade verstanden?» Nicht als Verhör, sondern als freundliche Überprüfung, ob die Botschaft angekommen ist.

Positive Verstärkung: Den Fokus auf das richten, was klappt

ADHS-Kinder hören im Laufe ihres Lebens unfassbar viel Kritik. Studien zeigen, dass sie bis zum Alter von 12 Jahren etwa 20.000 (!) negative Botschaften mehr gehört haben als neurotypische Kinder (Barkley, 2013). «Hör auf damit!», «Konzentriere dich!», «Warum machst du das schon wieder?»

Du kannst den Spiess umdrehen:

Dein Kind beim Gutsein erwischen: Suche aktiv nach Momenten, in denen etwas klappt, und benenne sie konkret: «Du hast bei den Hausaufgaben nicht aufgegeben, obwohl es richtig schwer war» oder «Du hast gemerkt, dass du gerade überreizt warst und bist in dein Zimmer gegangen. Ich glaube, du kennst dich inzwischen schon richtig gut.» Es können auch viel unauffälligere Dinge sein; zum Beispiel etwas an den Platz zurückgelegt, wo es hingehört oder selbständig an die Jacke gedacht am Morgen.

Erfolge sichtbar machen: Visualisiert gemeinsam Erfolge durch Reflexion darüber, was schon alles erledigt und geschafft wurde. Eine Liste zum Abhaken oder Muggelsteine in einem Glas können dabei helfen. Das Sichtbarmachen selbst macht Erfolge greifbar und stärkt das Selbstvertrauen.

Sofort und konkret verstärken: ADHS-Gehirne brauchen unmittelbare Konsequenzen. Lob, das eine Stunde nach dem gewünschten Verhalten kommt, wirkt kaum noch. Reagiere in dem Moment, in dem etwas gut läuft, aber nicht mit pauschalen Phrasen wie «gut gemacht» oder «toll». Benenne stattdessen konkret, was du siehst: «Du hast dich kurz bewegt und danach hast du dich direkt wieder an die Matheaufgaben gemacht. Das finde ich eine richtig gute Technik.  Oder zeige einfach ehrliches Interesse: «Was hat dir dabei geholfen?» oder «Was war deine Überlegung dabei?» Der Fokus liegt auf dem Prozess und der Anstrengung, nicht auf dem Ergebnis. So lernt dein Kind: Meine Bemühungen zählen. Ich werde gesehen.

Bewegung einbauen: Das Gehirn ankurbeln

Bewegung ist für ADHS-Gehirne wie Medizin. Sie hilft, Dopamin zu produzieren und Aufmerksamkeit zu regulieren (Hoza et al., 2015).

Im Alltag:

  • Dem Kind genug Zeit für Wege (z. B. zur Schule, zum Kindergarten, zum Einkauf usw.) geben für rennen, klettern, balancieren
  • Hausaufgaben auf einem Gymnastikball statt einem Stuhl erledigen
  • Fidget-Tools erlauben (kleine Bälle, Knete, Fidget-Spinner), weil Hände beschäftigt = Gehirn fokussiert
  • Bewegungsmöglichkeiten im Garten, wo entweder ausgepowert werden kann (z. B. Trampolin oder auch ein Fussball) und etwas gearbeitet werden kann mit den Händen (eine Ecke, wo das Kind graben, bauen, Steine rumtragen, usw. darf)
  • Ohne Garten für genügend Draussen-Zeit sorgen auf dem Spielplatz, im Park oder im Wald.

Sport als Ventil: Wichtig ist eine Sportart, die deinem Kind Spass macht. Je nach Kind kann das Kampfsport (Fokus, Disziplin, Bewegung), Klettern (Problemlösung, Körpereinsatz), Yoga (Entspannungstechniken, Fokus) oder einfach freies Toben im Wald sein.

Reizreduktion: Die Umgebung anpassen

Ein überreiztes Gehirn kann keine Leistung bringen. Schau dir die Umgebung deines Kindes an:

Kinderzimmer:

  • Weniger Spielzeug sichtbar (rotiere und lagere einen Teil)
  • Klare Ordnungssysteme (beschriftete Boxen mit Bildern)
  • Ruhige Farbgestaltung (grelle, aufregende Farben können aktivieren statt beruhigen)

Lernumgebung:

  • Tisch an der Wand, nicht mitten im Raum (reduziert Ablenkung)
  • Nur das Material auf dem Tisch, das gerade gebraucht wird
  • Noise-Cancelling-Kopfhörer, wenn Geräusche stören

Familienleben:

  • Ruhige Zeiten einplanen (nicht jeden Tag drei Aktivitäten)
  • Vor Übergängen vorwarnen («In zehn Minuten gibt’s Essen, dein Spiel sollte langsam enden. Ich gebe dir in 5 Minuten nochmals bescheid») oder eine Wecker / TimeTimer stellen
  • Rückzugsorte schaffen (eine Kuschelecke, ein Zelt, einen Ort zum Abschalten)

Co-Regulation: Du bist der externe Regulator

Ein Konzept, das vielen Eltern hilft, ist die «Co-Regulation«. ADHS-Kinder fällt die Selbstregulation schwerer als neurotypischen Altersgenossen. Also die Fähigkeit, Emotionen, Impulse und Verhalten selbst zu steuern.

Dabei kannst du als Elternteil oder sonstige Bezugsperson helfen: Du bist die oder der externe Regulator:in.

Das bedeutet:

  • Ruhig bleiben, wenn dein Kind eskaliert (deine Ruhe überträgt sich) oder du versuchst es oder du schaust dir an, was dir im Wege steht ruhig zu bleiben (also so wirklich innerlich, nicht nur zusammenreissen). Dabei kann ich dich sehr gerne untersützen: goni@mamaleicht.ch.
  • Gefühle benennen («Ich sehe, du bist gerade richtig wütend, weil…»), falls das Kind darauf positiv anspricht. Ansonsten benenne die Herausforderung («Ich kann mir vorstellen, dass das gerade etwas viel ist.») oder du gehst direkt zum nächsten Punkt.
  • Strategien anbieten («Sollen wir zusammen tief durchatmen?»). Auch bei der Strategie-Findung kann dich ein Coach oder eine Mentorin wie ich unterstützen oder Literatur, Websites usw. zur Selbstregulation.
  • Körperlich präsent bleiben (und geistig auch). Manche Kinder mögen jemanden sehr nahe bei sich haben, andere brauchen eine gewisse Distanz und häufig sind Aktivitäten (Buch lesen, Raufen, usw.) einfacher als einfach eine Umarmung. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, einfach nur da zu sein, keine Lösungen präsentieren, nichts ändern oder verbessern. Nur präsent sein.

Mit der Zeit internalisiert dein Kind diese Strategien und kann sie irgendwann selbst anwenden. Aber das braucht Zeit, Geduld und unzählige Wiederholungen.

Schule: Die Zusammenarbeit mit Lehrkräften

Schule, Kindergarten, Kita und ähnliche Orte sind für viele Kinder mit ADHS der herausforderndste Lebensbereich. Stundenlang stillsitzen, aufmerksam sein, Impulse kontrollieren. Keine einfachen Aufgaben für das ADHS-Gehirn.

Gespräch mit Lehrkräften:

  • Nachfragen, wie das Kind sich in der Schule verhält und Vergleiche mit dem Verhalten zuhause ziehen
  • Auffällige Verhaltensweisen nach der Schule (Kind explodiert jeden Tag nach der Schule) oder auch Berichte des Kindes (durfte wegen unangemessenem Verhalten nicht mitspielen) an- und besprechen
  • Gemeinsam Strategien (Sitzplatz vorne, Bewegungspausen, Aufgaben in kleinere Schritte unterteilen) besprechen und als Team zusammenarbeiten. Versuchen keine Vorwürfe an die Schule zu transportieren, sondern gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Nachteilsausgleich: Mit einer ADHS-Diagnose kann ein Nachteilsausgleich beantragt werden. Das sind Massnahmen, die Nachteile ausgleichen, ohne die Anforderungen zu senken. Beispielsweise:

  • Mehr Zeit bei Arbeiten
  • Separate Räume für Prüfungen (weniger Ablenkung)
  • Mündliche statt schriftliche Prüfungen
  • Strukturierungshilfen bei Aufgaben

Wichtig: Ein Nachteilsausgleich ist kein «Vorteil», sondern eine Anpassung, die faire Bedingungen schafft.

Medikation: Die Entscheidung, die nur ihr treffen könnt

Ein Thema, das oft polarisiert: Medikamente. Methylphenidat (bekannt als Ritalin, Medikinet, Concerta) oder Amphetamine (Elvanse) sind die gängigsten ADHS-Medikamente. Sie erhöhen die Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn.

Fakten:

  • Bei 70-80% der Kinder wirken diese Medikamente gut (Cortese et al., 2018)
  • Sie machen nicht «high» oder abhängig, wenn korrekt dosiert und angewendet
  • Sie verändern nicht die Persönlichkeit deines Kindes (ein häufiges Missverständnis)
  • Sie können Nebenwirkungen haben (Appetitlosigkeit, Schlafprobleme, Kopfschmerzen – meist vorübergehend)

Wichtig zu wissen: Medikamente sind keine Allheilmittel. Sie öffnen ein Fenster, in dem Lernen und Verhaltensänderungen leichter möglich sind. Aber die Verhaltenstherapie, die Strategien im Alltag, die Schul-Anpassungen bleiben trotzdem wichtig.

Die Entscheidung für oder gegen Medikamente ist hochindividuell. Sie hängt ab von:

  • Dem Leidensdruck deines Kindes
  • Den Auswirkungen auf Schule, Freundschaften, Familienleben
  • Dem Alter des Kindes
  • Euren Werten und Vorstellungen

Es gibt kein Richtig oder Falsch. Und: Die Entscheidung ist nicht endgültig. Ihr könnt Medikamente ausprobieren und bei Bedarf wieder absetzen (natürlich immer in Absprache mit der behandelnden Fachperson).

Ein Austausch mit Fachpersonen oder anderen Eltern, sowie ein Entscheidungs-Coaching  (wenn das für dich hilfreich sein könnte, melde dich gerne bei mir unter goni@mamaleich.ch) können dabei unterstützend sein.

Emotionale Achterbahn: Gefühle begleiten

Einige Kinder mit ADHS entwickeln Ängste, Depressionen oder haben mit niedrigem Selbstwertgefühl zu kämpfen (ADHS Deutschland e.V., 2023; Ingeborgrud et al., 2023). Das kann verschiedene Gründe haben, unter anderem bei einer späteren Diagnose auch Jahre des Scheiterns, der Kritik oder des Gefühls «anders» zu sein.

So kannst du dein Kind dabei unterstützen, seinen Selbstwert aufzubauen:

  • Stärken finden und benennen (Kreativität, Hilfsbereitschaft, Humor, Detailwissen über Dinosaurier)
  • Erfolgserlebnisse schaffen (Aufgaben, die dein Kind kann, nicht nur solche, die schwerfallen)
  • Von erfolgreichen Menschen mit ADHS erzählen oder lesen (Simone Biles, Michael Phelps, Justin Timberlake, usw.)

Gefühle normalisieren: «Es ist okay, dass du wütend bist. Wut ist ein normales Gefühl. Lass uns zusammen überlegen, wie du mit dieser Wut umgehen kannst, ohne jemandem wehzutun.»

Therapie in Betracht ziehen: Verhaltenstherapie kann enorm helfen. Kinder lernen Strategien für Selbstregulation, Problemlösung und soziale Interaktion. Gruppentherapien mit anderen Kindern mit ADHS können zusätzlich stärkend wirken: «Ich bin nicht allein!»

Die Superkräfte nicht vergessen

Inmitten all der Herausforderungen und Strategien vergessen wir manchmal: ADHS-Gehirne haben auch unfassbare Stärken. Auch wenn ich es extrem nervig finde in Sozialen Medien davon zu lesen, dass ADHS eine Superkraft ist. Für die meisten fühlt es sich nicht so an und muss es auch nicht!

Kinder mit ADHS sind oft:

  • Kreativ: Sie sehen Zusammenhänge, die andere übersehen, denken ausserhalb der Box
  • Empathisch: Viele haben ein feines Gespür für die Gefühle anderer
  • Begeisterungsfähig: Wenn sie etwas lieben, stecken sie ihre ganze Energie hinein (Hyperfokus als Geschenk)
  • Spontan: Sie leben im Moment und können Freude unmittelbar erleben
  • Gerechtigkeitssinn: Viele haben einen ausgeprägten Sinn für Fairness und Gerechtigkeit
  • Risikobereit: Sie trauen sich Dinge, vor denen andere zurückschrecken

Die Herausforderung – und gleichzeitig die Chance – ist, eine Umgebung zu schaffen, in der diese Stärken zum Tragen kommen können.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu ADHS und die Antworten dazu

Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?

Heute wird medizinisch nur noch von ADHS gesprochen, mit drei Untertypen: Vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, vorwiegend unaufmerksam (früher «ADS» genannt) und kombiniert. Der Begriff ADS wird umgangssprachlich noch verwendet, ist aber diagnostisch überholt.

Ist ADHS eine Krankheit?

ADHS wird offiziell als «Störung» klassifiziert, aber viele Expert:innen und Betroffene sehen es eher als natürliche neurobiologische Variante: Eine andere Art, wie das Gehirn funktioniert. Es bringt Herausforderungen mit sich, aber auch besondere Stärken.

Wächst sich ADHS aus?

ADHS «verschwindet» nicht einfach. Bei etwa 60-70% der Betroffenen bleiben Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen (Faraone et al., 2006). Allerdings verändern sich die Symptome oft; die Hyperaktivität wird beispielsweise zur inneren Unruhe und viele Erwachsene entwickeln Bewältigungsstrategien.

Wird ADHS vererbt?

Ja, ADHS ist stark vererbbar (70-80% Erblichkeit). Wenn ein Elternteil ADHS hat, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 40-50%, dass ein Kind ebenfalls ADHS hat. Aber Gene sind nicht alles, Umwelt und Unterstützung spielen eine grosse Rolle.

Machen ADHS-Medikamente abhängig?

Korrekt angewendet machen ADHS-Medikamente wie Methylphenidat nicht abhängig. Sie wirken anders auf ADHS-Gehirne als auf neurotypische Gehirne: Sie beruhigen und fokussieren, statt aufzuputschen.

Kann man ADHS ohne Medikamente behandeln?

Ja, viele Strategien helfen auch ohne Medikation: Verhaltenstherapie, Strukturen im Alltag, Sport, Ergotherapie. Bei starker Ausprägung sind Medikamente oft hilfreich, aber nicht zwingend der einzige Weg.

Wie erkenne ich ADHS bei meinem Kind?

ADHS zeigt sich durch anhaltende Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität, die über mindestens sechs Monate in mehreren Lebensbereichen auftreten und den Alltag deutlich beeinträchtigen. Eine Diagnose sollte immer durch Fachleute gestellt werden.

Soll ich meinem Kind sagen, dass es ADHS hat?

Ja! Kinder spüren, dass sie «anders» sind. Eine altersgerechte Erklärung hilft ihnen zu verstehen, dass nichts mit ihnen «falsch» ist. ihr Gehirn funktioniert nur auf eine besondere Art. Das kann enorm entlastend wirken.

Zusammenfassung ADHS bei Kindern

ADHS ist eine neurobiologische Besonderheit, die etwa 5-7% aller Kinder betrifft. Es zeigt sich durch Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und/oder Impulsivität und ist stark vererbbar. ADHS-Gehirne funktionieren anders. Sie brauchen äussere Strukturen, passende Strategien im Alltag, klare Kommunikation, Bewegung und vor allem ein Umfeld, das ihre Stärken sieht und fördert.

Als Eltern könnt ihr enorm viel tun: Routinen etablieren, mit positiver Verstärkung arbeiten, die Umgebung anpassen, mit der Schule kooperieren und euer Kind emotional begleiten. Ob Medikation eine Rolle spielt, entscheidet ihr gemeinsam mit Fachleuten und eurem Kind.

Das Wichtigste: Dein Kind ist nicht defekt. Dein Kind ist wunderbar, so wie es ist, mit einem Gehirn, das vielleicht etwas mehr Unterstützung braucht, um in einer Welt zu navigieren, die oft für neurotypische Menschen gebaut ist. Aber mit Verständnis, Geduld und den richtigen Strategien kann dein Kind seinen Weg gut gehen und vielleicht sogar gerade wegen seines besonderen Gehirns Grosses erreichen.

Fazit: Vom Überleben zum Aufblühen

Leben mit einem ADHS-Kind kann anstrengend sein. Es gibt Tage, an denen du denkst: «Ich schaffe das nicht.» Es gibt Momente der Verzweiflung, der Überforderung, des Gefühls, zu versagen.

Doch du schaffst es ja jetzt schon jeden Tag! Indem du dein Kind liebst, auch wenn es schwierig ist. Indem du nach Lösungen suchst. Indem du diesen Artikel liest.

ADHS (oder der Verdacht) ist eine Reise für dein Kind und für dich. Es wird Umwege geben, Sackgassen, aber auch unerwartete schöne Aussichten. Dein Kind braucht keine perfekten Eltern. Es braucht Eltern, die es sehen, verstehen und begleiten.

Du stehst am Anfang dieser Reise oder schon mittendrin? Du bist nicht allein! Du kannst dich mit anderen Eltern austauschen, dir professionelle Hilfe an deine Seite holen und dich begleiten lassen. Zum Beispiel durch jemanden wie mich oder eine Person von einer Fachstelle oder eine Psychologin – was für dich passt. Wenn du wissen möchtest, wie ich dich und deine Familie unterstützen könnte, kannst du dich in meinen Angeboten umschauen oder dich direkt unter goni@mamaleicht.ch bei mir melden.

Wenn dieser Artikel dir geholfen hat, teile ihn mit anderen Eltern, die gerade dasselbe durchmachen oder sich ähnliche Fragen stellen. Oder mit Personen, die dir und deinem Kind mit Unverständnis begegnen.

Quellen: