Ein Gespräch mit Birgit Gattringer über Selbstwert, Bindung und was Kinder wirklich stark macht

"Starke Kinder mit einem gesunden Selbstbewusstsein" – das ist wohl einer der häufigsten Wünsche, die Eltern für ihre Kinder haben. Doch wie gelingt das eigentlich? Und was brauchen Kinder wirklich, um zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranzuwachsen?

Darüber habe ich mit Birgit Gattringer gesprochen. Sie begleitet Eltern dabei, ihren Kindern genau das mitzugeben: einen gesunden Selbstwert und die Fähigkeit, mutig durchs Leben zu gehen.

Wenn der eigene Mangel zum Antrieb wird

Birgits Weg zu diesem Thema war kein theoretischer. Sie selbst litt seit ihrer Kindheit an schwerer Neurodermitis: Mit heftigen Schüben, die sie als junge Erwachsene zwangen, sich intensiv mit Stressmanagement, Entspannungstechniken und der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

"Ich habe gemerkt, dass sich eigentlich alle Gründe für meine Nervosität, meine Kratzanfälle und die Rebellion meiner Haut auf ein Hauptthema reduzieren liessen: einen Mangel an Selbstwert und Selbstliebe."

Dieser tiefe Glaubenssatz: "Ich bin nicht gut genug" begleitete sie lange. Und auch wenn sie viel daran arbeitete, wurde ihr klar: So etwas löst man nicht mit einer Meditation oder einer einmaligen Aufarbeitung. Es ist ein fortlaufender Prozess.

Für ihre eigenen Kinder wollte sie es anders machen. Und genau daraus entstand ihre Arbeit mit Familien.

Vier Grundlagen für starke Kinder

Birgit hat vier zentrale Bereiche identifiziert, die entscheidend dafür sind, dass Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln können:

1. Die eigene Vergangenheit aufarbeiten

Wir alle tragen einen Rucksack mit uns herum. Glaubenssätze, Verletzungen, Muster aus der eigenen Kindheit. Wenn wir uns nicht damit auseinandersetzen, geben wir diesen Rucksack unbewusst an unsere Kinder weiter.

Deshalb ist es so wichtig, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Nicht, um perfekt zu werden. Sondern um zu verstehen, warum wir in bestimmten Situationen so reagieren, wie wir reagieren.

2. Eine stabile Bindung aufbauen

"Bindung ist alles. Bindung ist der Klebestoff jeder Beziehung", sagt der Bindungsforscher Dr. Gordon Neufeld. Und Birgit pflichtet ihm bei: Bindung ist die mächtigste Kraft bei uns Menschen.

Wenn ein Kind spürt, dass es geliebt, wertgeschätzt und angenommen wird, bedingungslos, auch in schwierigen Momenten, dann entsteht dieser sichere Hafen, von dem aus es die Welt erkunden kann. Es lernt: Meine Bedürfnisse werden gesehen. Ich bin wichtig. Ich darf so sein, wie ich bin.

Doch Bindung ist gleichzeitig filigran. Sie kann schnell Risse bekommen; durch Beschämung, Druck oder Beschimpfung. Deshalb braucht es Achtsamkeit im Umgang miteinander.

3. Gefühle begleiten statt bekämpfen

"Alle Gefühle sind willkommen. Gefühle sind zum Fühlen da - sonst wären es keine Gefühle."

Das klingt logisch, ist aber für viele Eltern eine der größten Herausforderungen. Denn wenn starke Gefühle im Spiel sind, Wut, Trauer, Frustration, löst das oft auch bei uns etwas aus. Wir wollen, dass es aufhört. Wir wollen, dass das Kind sich beruhigt.

Doch genau dann braucht das Kind unsere Begleitung. Es braucht die Botschaft: Dein Gefühl ist okay. Du darfst wütend sein. Ich bin trotzdem da.

Wenn Kinder lernen, dass ihre Gefühle sein dürfen, ohne dass sie dafür verurteilt werden, stärkt das nicht nur die Bindung, es gibt ihnen auch ein stabiles Fundament für ihr ganzes Leben.

4. Mit Worten öffnen statt verschliessen

Unsere Worte sind Schlüssel zum Herzen unserer Kinder. Sie öffnen oder verschliessen. Und ja, wir lieben unsere Kinder meistens bedingungslos. Aber kommt diese Liebe auch beim Kind an?

Nicht immer. Denn wenn wir schimpfen, laut werden oder mit Druck reagieren, kann das Kind diese Liebe nicht mehr spüren. Ihm fehlt noch die kognitive Reife zu verstehen: "Mama ist gerade wütend, aber sie liebt mich trotzdem."

Deshalb ist eine liebevolle, wertschätzende Kommunikation so entscheidend. Sie gibt dem Kind die Sicherheit, die es braucht, um wachsen zu können.

Selbstwert vs. Selbstvertrauen: der feine Unterschied

Ein wichtiger Punkt, den Birgit betont: Selbstwert und Selbstvertrauen sind nicht dasselbe.

Selbstvertrauen bezieht sich auf konkrete Fähigkeiten. Was kann ich? Worin bin ich gut? Es ist eine äussere, erworbene Qualität.

Selbstwert hingegen ist der innere Kern. Das Gefühl, in sich zu ruhen. Sich wohlzufühlen, auch ohne Leistung. Es ist die Grundlage für psychische Gesundheit, für gute Beziehungen, für die Fähigkeit, mit Konflikten und Stress umzugehen.

Viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind mehr Selbstvertrauen hat, meinen aber eigentlich den Selbstwert. Und der lässt sich nicht durch einzelne Erfolgserlebnisse aufbauen. Er wächst durch Beziehung, Sicherheit und das Gefühl: Ich bin richtig, so wie ich bin.

Wie erkenne ich, ob die Bindung stimmt?

Eine Frage, die viele Eltern beschäftigt: Woher weiss ich, ob die Bindung zu meinem Kind gut ist?

Birgit erklärt: Bindung entwickelt sich über sechs Stufen, die sich über etwa sieben bis acht Jahre erstrecken. Erst dann hat ein Kind in der Regel die Reife erreicht, um wirklich resilient zu sein, also mit Schwierigkeiten umgehen zu können, Lösungen zu finden und nicht bei jedem Problem zusammenzubrechen.

Das bedeutet: Von einem zweijährigen Kind kann man das noch nicht erwarten. Kindliche Entwicklung ist chaotisch, nicht linear. Manchmal zwei Schritte vor, dann drei zurück. Wir können die Entwicklung oft erst im Nachhinein beurteilen.

Was wir aber tun können: prophylaktisch dafür sorgen, dass die Grundlagen stimmen.

Ein einfacher Alltags-Tipp: Die drei A’s

Wenn du das Gefühl hast, die Bindung könnte gestärkt werden, hat Birgit einen praktischen Tipp für den Alltag:

Die drei A's: Ansprache, Augenkontakt, Atmen

Das bedeutet:

  • Geh in Verbindung mit deinem Kind
  • Hol es dort ab, wo es steht
  • Stell Augenkontakt her, lächle es an
  • Nenne es beim Namen, berühre es vielleicht kurz

Zeig deinem Kind: Du bist eine Freude für mich. Nicht, weil du etwas leistest. Einfach, weil du da bist.

Wenn du das fünfmal am Tag machst, ohne dass du etwas vom Kind willst, stärkt das die Bindung enorm.

Nicht persönlich nehmen

Ein letzter, aber wichtiger Hinweis von Birgit: Nimm das Verhalten deines Kindes weniger persönlich.

Kinder verhalten sich oft nicht so, wie wir es uns wünschen. Sie hören nicht, sie testen Grenzen, sie sind laut oder trotzig. Das hat meistens nichts mit uns zu tun, sondern mit ihrer Unreife, mit Überforderung oder einem Bindungsbedürfnis.

Wenn wir lernen, das Verhalten nicht als Angriff auf uns zu sehen, können wir souveräner bleiben. Und genau diese Souveränität ist es, die unseren Kindern Sicherheit gibt.

Hier das Gespräch mit Birgit Gattringer zum hören:

In dieser Podcastfolge sprechen wir über die 4 Grundlagen damit schon früh das Fundament gelegt werden kann für eine gute Entwicklung unserer Kinder - damit sie Starke Kids werden können.

Zusammenfassung: So können wir unsere Kinder dabei unterstützen, zu starken Persönlichkeiten zu werden:

  • Unsere eigenen Themen lösen und uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen, damit wir nicht unbewusst unseren Rucksack an unsere Kinder übergeben
  • Bindung zum Kind, damit es spürt, wie es geliebt und wertgeschätzt wird. Es fühlt sich im sicheren Hafen und weiss, dass seine Bedürfnisse ernst genommen werden. Die Bindung ist mächtigste Kraft und spielt in allen Bereichen eine Rolle. Doch sie kann auch durch Beschämung und Beschimpfung aus dem Gleichgewicht geraten.
  • Gefühle des Kindes gut begleiten mit der Grundhaltung: Alle Gefühle sind willkommen und Gefühle sind zum Fühlen da. Als Eltern geben wir Rahmenbedingungen, in denen Gefühle da sein dürfen
  • Kommunikation: Unsere Worte öffnen oder schliessen unser Kind. Unsere Liebe kann zwar bedingungslos sein, doch beim Kind kommt es nicht an. Wenn wir wütend werden und schimpfen, kann das Kind die Liebe nicht mehr spüren, weil es noch nicht die kognitive Reife dazu hat.

Durch diese Grundlagen können die Kinder dann mutig durchs Leben gehen. Sie erhalten von uns so die Sicherheit und Liebe, um sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln zu können.

FAQ: Die wichtigsten Fragen zu starken Kindern

Ab welchem Alter kann ich überhaupt beurteilen, ob mein Kind ein gutes Selbstwertgefühl hat?

Eine wirklich fundierte Beurteilung ist erst ab etwa sieben bis acht Jahren möglich. Vorher durchlaufen Kinder noch wichtige Entwicklungs- und Bindungsstufen. Von einem zweijährigen Kind zu sagen, es habe wenig Selbstvertrauen, wäre unseriös. Die kindliche Entwicklung verläuft nicht linear, sondern chaotisch, mit vielen Schritten vor und zurück. Was wir aber tun können: von Anfang an die richtigen Grundlagen schaffen.

Mein Kind ist schon älter. Ist es zu spät, um noch an der Bindung zu arbeiten?

Nein, es ist nie zu spät. Bindung ist etwas, das sich über die gesamte Kindheit entwickelt und auch später noch gestärkt werden kann. Wichtig ist, dass du dort ansetzt, wo dein Kind gerade steht. Manchmal ist ein siebenjähriges Kind in seiner Bindungsentwicklung noch so unreif wie ein zweijähriges, dann braucht es genau die Unterstützung, die dieser Entwicklungsstufe entspricht.

Was ist der Unterschied zwischen Selbstwert und Selbstvertrauen?

Selbstvertrauen bezieht sich auf konkrete Fähigkeiten: Was kann ich? Worin bin ich gut? Es ist eine äussere, erworbene Qualität. Der Selbstwert hingegen ist der innere Kern: Das Gefühl, in sich zu ruhen und wertvoll zu sein, auch ohne Leistung. Der Selbstwert ist die Grundlage für psychische Gesundheit und gute Beziehungen.

Wie oft sollte ich die "drei A's" (Ansprache, Augenkontakt, Atmen) anwenden?

Birgit empfiehlt mindestens fünfmal am Tag und zwar in Momenten, in denen du nichts von deinem Kind willst. Also nicht vor einer Aufforderung oder wenn du etwas brauchst, sondern einfach so. Diese bedingungslosen Bindungsmomente sind besonders wertvoll. Starte am besten in stressfreien Situationen, damit es dir leichter fällt.

Was mache ich, wenn mein Kind in einer schwierigen Situation völlig überfordert ist und keine Lösung findet?

Das hängt stark vom Alter ab. Jüngere Kinder haben diese Fähigkeit zur Problemlösung noch gar nicht entwickelt. Sie brauchen dann vor allem deine Begleitung und Co-Regulation. Mit zunehmendem Alter und bei guter Bindung entwickeln Kinder Resilienz, also die Fähigkeit, mit Schwierigkeiten umzugehen. Das bedeutet nicht, dass immer alles problemlos läuft, sondern dass sie lernen, Strategien zu entwickeln und nicht aufzugeben.

Ich werde schnell laut oder ungeduldig. Bin ich damit eine schlechte Mutter/ein schlechter Vater?

Nein. Elternsein ist anstrengend und fordert enorm viel Geduld. Dass wir manchmal an unsere Grenzen kommen, ist menschlich. Wichtig ist, dass du deine eigenen Gefühle wahrnimmst und lernst, sie besser zu regulieren. Und noch wichtiger: dass du das Verhalten deines Kindes weniger persönlich nimmst. Oft hat es nichts mit dir zu tun, sondern mit Unreife oder Überforderung beim Kind selbst.

Wie kann ich verhindern, dass ich meinen eigenen "Rucksack" an mein Kind weitergebe?

Indem du dich mit deiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Das bedeutet nicht, dass du alles perfekt machen musst. Es geht darum zu verstehen, welche Glaubenssätze und Muster du mitbringst und warum du in bestimmten Situationen so reagierst, wie du reagierst. Diese Selbstreflexion ist ein fortlaufender Prozess und einer der wertvollsten Geschenke, die du deinem Kind machen kannst.

Mein Kind zeigt starke Gefühle. Muss ich die wirklich alle aushalten?

Ja, aber du musst nicht jedes Verhalten akzeptieren. Gefühle dürfen immer da sein. Wut, Trauer, Frustration - das alles ist okay und wichtig. Was du tun kannst: Rahmenbedingungen schaffen, in denen diese Gefühle ausgedrückt werden können. Dein Kind darf wütend sein, aber es darf nicht schlagen. Es darf traurig sein und weinen, braucht aber vielleicht einen ruhigen Ort dafür. Die Botschaft ist: Dein Gefühl ist willkommen. Ich bin da. Und gemeinsam finden wir einen Weg.

Wie merke ich, dass die Bindung durch Beschämung oder Druck beschädigt wurde?

Bindung ist filigran und kann schnell Risse bekommen. Anzeichen können sein: Dein Kind zieht sich zurück, sucht weniger Nähe, reagiert besonders trotzig oder macht oft das Gegenteil von dem, was du möchtest (Gegenwille). Auch wenn dein Kind bei Aufforderungen häufig blockiert oder sehr stark emotional reagiert, kann das ein Hinweis sein. Die gute Nachricht: Bindung lässt sich reparieren: mit Zuwendung, Geduld und den richtigen Werkzeugen.

Mein Gast in der Podcast Folge: Birgit Gattringer

Birgit Gattringer, freundlich lächelnd, draussen, rosa shirt

Birgit Gattringer ist Elterncoach und Mama von 2 Kindern. Sie ist Expertin für die Themen Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein für Kinder.

Sie unterstützt Familien dabei ein Umfeld zu schaffen, in dem die Kinder zu starken Persönlichkeiten heranwachsen können.

Sie bietet unter anderem Online Kurse und Mentoringprogramme an.