Unterdrückte Wut der Kindheit zeigt sich oft erst dann, wenn wir selbst Eltern werden. Plötzlich explodieren wir in Momenten, die eigentlich harmlos sind. Nicht angezogene Schuhe oder ein umgekipptes Glas genügen manchmal schon und dann stehen wir da und wundern uns, wo diese riesige Wut herkam.
Diese Intensität hat meistens wenig mit der aktuellen Situation zu tun und viel mit dem, was wir als Kinder über Wut gelernt haben. In diesem Artikel schauen wir uns an, warum das so ist, was die Wut dir eigentlich sagen möchte und wie du einen anderen Umgang mit ihr finden kannst. Am Ende wartet eine Übung, die mir persönlich sehr geholfen hat.
Sandra ist eine ausgeglichene Frau. Zumindest gegen Aussen. Nur mit ihrem Mann wird sie manchmal etwas forsch, aber auch nur, wenn es es verdient hatte.
Doch jetzt mit den Kindern ist das anders. Plötzlich überkommt es sie, zwar versucht sie noch den Deckel auf der Wut drauf zu halten, doch manchmal klappt es einfach nicht.
Die Wut springt in den unmöglichsten Momenten raus; wenn das Kind trödelt und alle schon zu spät dran sind, wenn das Kind fast vor ein Auto gelaufen ist oder im Supermarkt einen Wutanfall hat.
Diese “Aussetzer”, wie Sandra sie nennt, sind ihr unangenehm. Sie schämt sich sogar ein bisschen dafür.
Am liebsten möchte sie gar keine Wut spüren. Schon als Mädchen hat sie gelernt, dass wütende Mädchen nicht gerne gesehen werden und sie am besten ans Ziel kommt, wenn sie lieb ist. Sie hat das so verinnerlicht, dass sie selbst glaubt, gar nicht oft wütend zu werden. Doch wenn es doch passiert, braucht sie eine Weile, um wieder ins Gleichgewicht zu finden.
Sandra ist übrigens nicht eine einzelne Person. Sie ist ein Mosaik aus Müttern, die ich begleite und ein bisschen aus mir selbst.
Die meisten Mütter, die ich kenne und begleite, möchten nicht rumschreien und schimpfen. Doch genau das passiert ihnen, wenn die Wut kommt. Die wenigsten haben gelernt, ihre Emotionen so zu regulieren, für sich zu schauen und sich so abzugrenzen, dass sie nicht explodieren müssen.
Oft erkennen wir erst beim Begleiten der Gefühle unserer Kinder, dass wir selbst gar nicht gelernt haben, mit unseren eigenen gut umzugehen.
In diesem Artikel
Wut ist gut
Schüttelst du gerade deinen Kopf? Neeee, Wut ist ganz bestimmt nicht gut. Sie fühlt sich nicht gut an. Du möchtest am liebsten nie so sein, wie du bist, wenn du wütend bist.
Ich möchte nicht so sein, wie ich bin, wenn ich wütend bin.
Lange ging es mir genau so. Ich mag meine Wut immer noch nicht so besonders gerne. Doch habe ich sie über die letzten Jahre oder schon Jahrzehnte immer besser kennengelernt. Und vielleicht freunden wir uns sogar gerade ein bisschen an. Auf jeden Fall bin ich mir ihrer Stärken bewusster geworden.

Denn Wut ist gut für uns. Ohne Wut lassen wir alles mit uns machen. Wir wehren uns nicht, wenn uns oder anderen Unrecht geschieht.
In ihrer Gebrauchsanweisung für unsere Gefühle* beschreibt Vivian Dittmar die Wut als Reaktion auf “das ist falsch”. Die Wut zeigt uns, dass etwas passiert ist, was nicht mit unseren Werten vereinbar ist. Und auch aus der Neurobiologie wissen wir, dass Wut keine Fehlfunktion sondern eine ganz grundlegende Reaktion unseres Gehirns ist.
Der Neurowissenschaftler Dan Siegel (Autor von "Whole-Brain Child"*) beschreibt, wie bei starken Emotionen der denkende Teil unseres Gehirns vorübergehend offline geht: Eine uralte Schutzreaktion, die uns in Gefahrensituationen schnell handeln lässt.
Das Problem ist also nicht die Wut selbst, sondern, dass die meisten von uns nie gelernt haben, was wir mit ihr anfangen sollen.
Die Ursachen der inneren Wut
Zusätzlich zum Empfinden etwas sei “falsch”, hat Wut viel damit zu tun, dass wir uns hilflos und ausgeliefert fühlen. Hinter der Wut steckt also immer auch ein Schmerz.
Das passiert in Situationen, die wir uns anders wünschen, in denen wir aber nichts ausrichten können. Dieses Gefühl der Ohnmacht kennen die meisten sehr gut aus ihrer Kindheit. Denn als Kinder sind wir unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen ausgeliefert und abhängig von ihrer Reaktion.
Dieses unglaublich unangenehme Gefühl der Wut, welches wir heute empfinden, ist häufig die Ohnmacht von damals. Die unterdrückte Wut der Kindheit reagiert nicht aus der Erwachsenenperspektive, sondern aus der kindlichen.
Sie ruft dann so etwas wie: "Es ist unfair, dass du vom Esstisch gehst, wann immer dir das passt. Ich durfte das schliesslich auch nicht und musste mich immer langweilen, bis meine Eltern fertig waren."
Die Ursache deiner Wut ist in diesem Fall nicht dein Kind, welches nicht hört und vom Esstisch weggeht. Sondern dein inneres Kind, welches sich unfair behandelt fühlt. Dan Siegel nennt das "low road": Der Moment, in dem unser Gehirn blitzschnell auf ein altes Muster zurückgreift, statt die Situation aus der Gegenwart heraus zu bewerten.
Grundsätzlich kann man sagen, die Ursache deiner extremen Wut ist nie dein Kind. Dein Kind ist nur der Auslöser. Es hat die “richtigen” Knöpfe gedrückt, damit die Wut in dir hochgekommen ist.
Die Wut kann dir zeigen, dass es in dir etwas gibt, das noch ganz verletzt ist und aufgelöst werden möchte. So meldet sich die unterdrückte Wut aus deiner Kindheit zu Wort.
Was passiert, wenn wir Wut unterdrücken?
Wie Sandra haben sehr viele von uns im Laufe der Jahre gelernt, unsere Wut zu unterdrücken.
Ich persönlich fand das ganz lange hervorragend. Ich wurde nicht schnell wütend und brauchte mich nicht mit dieser Emotion auseinanderzusetzen.
Doch was passiert mit der Wut, wenn wir sie unterdrücken? Ist sie einfach weg?
Kaum. Die Wut sucht sich andere Wege.
Gegen die "Grösseren" - unsere Eltern, Lehrer und andere Autoritätspersonen - trauen wir uns nicht die Wut zu zeigen. So lassen wir sie gegen die "Kleineren" raus; kleinere Geschwister, andere Kinder oder später unsere Kinder und Angestellten.
Das kann ganz offen und laut geschehen oder auch hintenrum durch Getratsche oder sogar unter dem Deckmantel der konstruktiven Kritik.
Möchtest du die Wut gar nicht gegen aussen rauslassen, dann richtest du sie womöglich gegen dich selbst. Dann wirst du dir selbst gegenüber wütend und kannst es dir nicht recht machen. Dann ärgerst du dich vielleicht darüber, dass du nichts perfekt hinbekommst, hast sehr hohe Ansprüche an dich selbst und bist deine eigene grösste Kritikerin. Komplimente kannst du nur schwer annehmen und fühlst dich den anderen unterlegen.
Unterdrückte Wut verschwindet also nicht. Sie verlagert sich nur – nach aussen gegen andere oder nach innen gegen uns selbst. Beides ist auf Dauer schädlich, für uns und für unsere Beziehungen.
Warum fällt es gerade Müttern so schwer, wütend zu sein?
Während eine gewisse Aggressivität bei Männern als Stärke betrachtet wird, so gelten wütende Frauen schnell als überfordert oder hysterisch.
Als Mädchen wurden wir gelobt, wenn wir lieb und freundlich waren. Wurden wir wütend, so wurden wir ignoriert. Nicht unbedingt nur von den Eltern, sondern auch von der Grossmutter, von der Tante Ursula, vom Lehrer und von der Trainerin beim Volleyball.
So haben wir schon früh gelernt unsere Wut herunterzuschlucken. Denn Kinder möchten gerne gefallen und geben sich dafür alle Mühe.
Und dann werden wir Mütter. Plötzlich sollen wir Grenzen setzen, klar kommunizieren und Entscheidungen treffen. Alles Dinge, für die es Wutkraft braucht: Genau die Kraft, die wir jahrzehntelang wegtrainiert haben.
Ich hatte mich schon vor meinen Kindern mit meiner Wut auseinandergesetzt. Doch als Mutter wurde sie viel offensichtlicher, weil sie in einer ganz anderen Intensität kam. Mit der Erschöpfung bleibt auch schlicht weniger Energie übrig, um die Wut so gut zu regulieren. Da kann man sich nicht mehr zurückziehen, Yoga machen und in der Morgenroutine meditieren. Die Wut steht plötzlich mitten im Alltag, zwischen Frühstückschaos und Zähneputzen und lässt sich nicht mehr kurz wegatmen.
Nur langsam findet diese Thematik ihren Weg in die Köpfe der Menschen. Viele werden durch ihre eigenen Kinder erst darauf aufmerksam.
Warum triggert mich die Wut meines Kindes so sehr?
Eltern empfinden die Wut ihrer Kinder oft als unangenehm und sie wird eher negativ bewertet. So werde ich oft gefragt, was man gegen die Wutanfälle in der Autonomie- oder Trotzphase der Kinder tun kann. Viel seltener werde ich gefragt, wie das Kind in dieser wichtigen Entwicklung am besten begleitet werden kann.
Gerade wenn du selbst in deiner Kindheit gelernt hast, deine Wut zu unterdrücken, kann es dir schwer fallen, die Wut deines Kindes zuzulassen. Denn dein Nervensystem kennt Wut als etwas Bedrohliches, egal ob es deine eigene ist oder die deines Kindes.
Das trifft wahrscheinlich auch auf deine Eltern zu. Denn bei ihnen durfte Wut möglicherweise noch weniger zum Ausdruck gebracht werden oder wurde sogar bestraft. Unterdrückte Wut wird oft über Generationen weitergegeben, nicht weil Eltern es schlecht meinen, sondern weil sie es nicht anders kennen.
Hier liegt auch die grosse Herausforderung für Eltern im Umgang mit der Wut unserer Kinder: Wir selbst haben die unterdrückte Wut unserer Kindheit weit weg versteckt. Doch nun rüttelt sie an der Falltür unter der wir sie verstaut hatten, aktiviert durch die starken Gefühle unserer Kinder.
Wir sind den Umgang mit der Wut nicht gewohnt und haben nicht gelernt, diese Gefühle zu regulieren. Doch auch als Erwachsene können wir das noch lernen. Unser Gehirn bleibt ein Leben lang formbar, was Fachleute Neuroplastizität nennen. Das heisst: Auch wenn du als Kind keine guten Strategien für den Umgang mit Wut mitbekommen hast, kannst du sie dir jetzt noch aneignen.
Wut als Kraft
Wut hat einen schlechten Ruf. Dabei steckt in ihr eine enorme Kraft, wenn wir lernen, sie zu nutzen statt sie zu unterdrücken oder unkontrolliert rauszulassen.
Vivian Dittmar beschreibt in ihrem Buch*, wozu wir diese Wutkraft brauchen:
- um klar “Ja” oder “Nein” zu sagen und Entscheidungen zu treffen
- um Klarheit zu haben und eine klare Position zu beziehen
- um ernst genommen zu werden und für andere greifbar zu sein
- um Dinge ins Leben zu rufen oder ihnen ein klares Ende zu setzen
- um zu wissen, was wir wollen
- um klare Grenzen zu setzen
Tust du dir mit dem einen oder anderen davon schwer?

Als ich diese Aufzählung zum ersten Mal gelesen habe, war der Aha-Effekt gross. Ich tat mir lange mit so ziemlich allem davon schwer und tue es teilweise immer noch.
Ich sagte oft: "Entscheide du, für mich spielt es keine Rolle." Zum Wochenendprogramm, zur Essensplanung, zu ziemlich allem. Ich wartete darauf, dass die anderen entscheiden, und ich glaubte, es wäre mir tatsächlich egal.
Heute weiss ich: Es war mir nicht komplett egal. Dadurch, dass ich mich nicht positionierte, musste ich für nichts einstehen und die Wut hatte gar keinen Grund sich einzumischen. Nur wenn mir etwas wirklich wirklich wichtig war, habe ich mich eingesetzt und war umso wütender oder enttäuschter, wenn ich damit keinen Erfolg hatte.
Die unterdrückte Wut aus meiner Kindheit bewirkte, dass ich weniger Zugang zu meinen Bedürfnissen und Meinungen hatte. Ich spürte weniger starkes "Das will ich" oder "Das will ich nicht".
Als Stärke betrachtete ich es, dass ich praktisch nie wütend wurde. Was ich dadurch alles verpasste, war mir nicht klar.
Ich spürte keine Wut. Doch ich spürte auch keine Wutkraft.
Unterdrückte Wut aus der Kindheit
Als Kind hast du höchstwahrscheinlich Wut empfunden, wenn etwas anders verlaufen ist, als du es dir vorgestellt hast. Vielleicht durftest du etwas nicht machen, was dir wichtig war. Oder du hast den Lolly an der Kasse im Supermarkt nicht bekommen.
Es spielt keine Rolle für das Kind, wie gross oder klein die Sache aus Erwachsenensicht scheint. Die Wutkraft wurde aktiviert und kam mit lautem Geschrei und vielen Tränen heraus.
Durftest du diese Wut nicht zeigen und wurde mit Unverständnis reagiert, so hast du dich wahrscheinlich darin falsch gefühlt, überhaupt Wut zu empfinden. Ein Kind überlegt nicht, dass die Eltern falsch liegen könnten. Es denkt, dass es selbst falsch liegt. Es empfindet sich selbst und seine Gefühle als nicht richtig.
Wie oft haben wir von Erwachsenen gehört: "Jetzt hab dich nicht so.", "Es gibt keinen Grund so auszurasten." oder "Beruhig dich doch mal." Das war bestimmt alles gut gemeint. Doch auch diese Aussagen führen dazu, dass ein Kind lernt: Meine Wut ist nicht erwünscht. Also verstecke ich sie.
Und mit der Wut oder parallel dazu verschwinden oft auch andere Gefühle.
Verdrängte Gefühle aus der Kindheit
Nicht nur die Wut war ein nicht gerne gesehener Gast in der Kindheit, sondern auch die Traurigkeit und weitere Gefühle. “Ist nicht so schlimm.”, “Nichts passiert.” oder “Du bist so ein tapferes Mädchen.” haben uns gezeigt, dass es gut ankommt, wenn wir es schaffen auch diese Tränen runterzuschlucken.
So gibt es neben der unterdrückten Wut aus der Kindheit noch viele andere Emotionen, die wir verdrängen.
Mir ist es auch heute noch unangenehm vor Menschen zu weinen. Auch wenn ich einen guten Grund dazu habe. Lieber stark sein, denn starke Mädchen werden gelobt.
Doch das starke, unkomplizierte Mädchen ist im Inneren vielleicht völlig durcheinander. Es hat für sich selbst keine Klarheit, was es möchte und tut sich schwer, sich anderen Personen völlig zu öffnen.
All unsere Gefühle sind wichtig. Sie bringen uns Botschaften, beschützen uns oder unterstützen uns darin, unsere Ziele zu erreichen. Auch die Wut. Vielleicht gerade die Wut. Doch dafür müssen wir ihr erst mal zuhören lernen.
Wann wird unterdrückte Wut aus der Kindheit zum Problem?
Ist sehr viel Wut angestaut, können wir cholerisch, aggressiv, frustriert und übermässig kritisch werden.
Ich denke nicht, dass in diesem Fall tatsächlich ein zu viel an Wut vorhanden ist. Sondern der Umgang mit der Wut ist zu extrovertiert. Die Wutkraft wird unreflektiert nach aussen entlassen und auf die Umgebung abgewälzt. Dan Siegel würde sagen: Der denkende Teil des Gehirns kommt nicht mehr hinterher und die Wut übernimmt das Steuer.
Wenn Kinder das tun, ist es völlig im Rahmen. Ihr Gehirn ist schlicht noch nicht so weit. Der präfrontale Kortex – der Teil, der für Impulskontrolle und vorausschauendes Denken zuständig ist – reift erst in den frühen Zwanzigern vollständig aus. Bis dahin brauchen Kinder uns als äussere Regulationshilfe.
Das Gegenteil davon ist die nach innen gerichtete Wut: Zu viel Runtergeschlucktes, das uns entscheidungsunfähig und unklar werden lässt. Dies kann zu weniger Energie, Richtung und Lebendigkeit führen.
Beides – das unkontrollierte Explodieren und das ständige Unterdrücken – zeigt im Grunde dasselbe: Wir haben nie gelernt, einen guten Umgang mit unserer Wut zu finden.
Das bedeutet nicht, dass alles nur noch Friede, Freude, Eierkuchen ist, wenn jemand lernt, Emotionen zu regulieren. Gefühlsausbrüche werden sich nicht völlig vermeiden lassen und das müssen sie auch gar nicht. Doch es unterstützt uns dabei, nach und nach andere Ausdrucksformen für unsere Gefühle zu finden.
Heute wissen wir, dass Kinder anschreien uns nicht an unsere Erziehungsziele bringt. Wir möchten selbstbewusste, eigenständige Kinder, die wissen, was sie wollen und später souverän in ihrem Leben navigieren. Und genau dafür brauchen sie Eltern, die ihnen vorleben, dass Wut sein darf und dass es Wege gibt, mit ihr umzugehen, ohne jemanden zu verletzen.
Und was mache ich nun mit meiner Wut?
Viele Menschen glauben, im Umgang mit Wut gäbe es nur zwei Optionen: Rumschreien oder Runterschlucken. Doch beide sind destruktiv.
Es gibt eine komplett andere Möglichkeit. Eine, die so wunderbar funktioniert, dass ich mich manchmal frage, warum wir das nicht alle schon früh gelernt haben.
Der erste Schritt klingt vielleicht überraschend: Nicht die Wut bekämpfen, sondern sie verstehen und ihren Hintergrund ernst nehmen. Denn die Wut, die heute so unverhältnismässig hochkommt, hat meistens eine Geschichte, welche oft in der Kindheit beginnt.
Dazu hilft es, die Wut erst mit etwas Distanz zu betrachten. Ein Gedanke, der mir dabei sehr geholfen hat: Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich denke "Ich bin wütend" oder "Da ist Wut." Im ersten Fall bin ich die Wut. Sie hat mich komplett übernommen. Im zweiten Fall beobachte ich sie. Sie ist da, aber sie ist nicht alles, was ich bin. Und erst aus dieser kleinen Distanz heraus kann ich anfangen, sie mir genauer anzuschauen.
Deine Wut als Berater:in
Wie sieht deine Wut aus? Wie gut kennst du sie?

Nimm dir ein Blatt Papier, stell dir vor wie es sich angefühlt hat, als du das letzte Mal richtig wütend warst und die Fassung verloren hast. Nun lass deiner Hand freien Lauf und zeichne auf, was du siehst.
Unser Kopf mag Bilder, wir sind sehr visuell veranlagt und Worte sind oft nur eine Übersetzung des Bildes in unserem Inneren.
Welche Farbe hat deine Wut - Rot? Gelb? Orange? Blau? Schwarz?
Welche Form hat sie? Ist es ein kleiner Gnom, ein Monsterchen, ein Wirbel oder nur wildes Gekritzel?
Wenn du erst mal ein Bild hast von deiner Wut, dann lade sie ein sich in deiner Nähe hinzusetzen. So nah, wie du es gerade ertragen oder es angenehm für dich ist.
Nun hast du ein Gegenüber, mit dem du dich austauschen kannst.
Frage deine Wut alles, was dich interessiert.
- wann sie entstanden ist
- worauf sie denn gerade wütend ist
- welcher Schmerz dahinter steht
- wovor sie dich beschützen möchte

Sei dir dabei im Klaren darüber, dass du diese Wut erschaffen hast, damit sie dich unterstützt und beschützt. Du hast also auch die Macht sie zu verändern.
Wenn sie dir erzählt hat, was sie loswerden wollte. Dann darf sie gerne wieder ziehen und sich zurückmelden, wenn es wieder die Wutkraft braucht, um klar Stellung zu beziehen oder sich gegen ein Unrecht zu wehren.
Die Wut früher erkennen
Wenn die Wut das nächste Mal kommt, kannst du sie vielleicht schon von weiter her erkennen? Ist sie ein Kloss im Hals? Ein schnellerer Herzschlag? Ein verkrampfter Kiefer?
Bei mir ist es ein Kloss im Hals und meine Stirn legt sich in Falten.
Dieses frühe Erkennen ist entscheidend. Denn mit der Wut gut umgehen – ihr zuhören, sie als Beraterin nutzen – das können wir nur, solange sie noch nicht völlig explodiert ist. Bei den ersten Anzeichen, im gelben Bereich sozusagen, können wir noch innehalten und hinhören: Was will mir die Wut gerade sagen? Wurden meine Grenzen überschritten? Fühle ich mich ohnmächtig wie früher als Kind? Wenn wir dort auf die Botschaft der Wut hören, nehmen wir ihr den Wind aus den Segeln.
Sind wir aber schon im roten Bereich, ist es dafür meistens zu spät. Denn genau dann schaltet unser Gehirn den rationalenTeil ab, Dan Siegel beschreibt das als den Moment, in dem der Deckel hochgeht. Wir können dann weder beobachten noch zuhören. Wir fallen dann in alte Muster zurück und es macht mehr mit uns, als dass wir selbst am Steuer wären.
Deshalb ist es so wichtig, die eigenen Warnsignale zu kennen. Ich arbeite dafür mit einem einfachen Ampelsystem: Grün ist entspannt, Gelb heisst der Stresspegel steigt, Rot bedeutet kurz vor dem Limit. Wer seine eigene Ampel kennt, kann früher gegensteuern und hat die Chance, die Wut noch als Beraterin zu nutzen, statt von ihr überrollt zu werden.
In meinem kostenlosen Gelassenheits-Kompass leite ich dich Schritt für Schritt dabei an, dein persönliches Frühwarnsystem zu erarbeiten:

Die Wut zu Wort kommen lassen
Wichtig ist es in vielen Fällen, dass du die Wut auch gegen Aussen zu Wort kommen lässt. Nicht in lautem Geschrei und Beschimpfungen, sondern abgrenzend und erklärend.

“Das macht mich wütend.” Ist eine Aussage, die für deine Umgebung klar fassbar ist. Ok, da ist was, was für mein Gegenüber nicht ok ist. Hast du deiner Wut zugehört, kannst du besser in Worte fassen, was die Wut zu sagen hat.
Vielleicht wurden deine Werte verletzt oder Grenzen überschritten. Die Wut hat dir das aufgezeigt und du kannst es nun ausformulieren.
Fällt es dir schwer, solch starke Gefühle in Worte zu fassen und anderen Menschen zu offenbaren? Dann schreibe sie für dich auf. Starte ein Journal, wo du diese Gefühle aufschreiben kannst und auch deine Gespräche mit der Wut festhalten kannst. Dort passt vielleicht auch ein Bild deiner Wut mit hinein. Male, schreibe und bastle. Diese Tätigkeiten helfen dir dabei deine Gefühle zu ordnen und kennen zu lernen.
Wenn dein Kind wütend ist. Dann lasse es die Wut ausleben und zeige ihm, dass du es auch mit seiner Wut liebst. Es darf laut und wütend sein. Und auch du darfst laut und wütend sein.
Und ich. Mir fällt das immer noch nicht leicht. Auch wenn ich mich schon eine Weile mit diesem Thema auseinandersetze.
Die Essenz
Wut ist wichtig und jedes Gefühl hat seine Berechtigung. Werden Gefühle unterdrückt, so suchen sich diese andere Ventile. Diese können destruktiv gegen uns selbst oder andere sein.
Die Unterdrückte Wut aus der eigenen Kindheit kann sich dadurch zeigen, dass wir heute wütend werden oder Gefühle bei anderen schlecht tolerieren können. Verdrängte Gefühle könne sich auch in psychischen oder körperlichen Krankheiten zeigen.
Die Wutkraft unterstützt uns dabei für uns Klarheit zu finden und diese gegen Aussen zu präsentieren. Verdrängen wir die Wut, tun wir uns schwer mit Entscheidungen und wissen nicht so genau, wo wir eigentlich hinwollen.
Helfen kann es, wenn du dir deine Wut als Berater an deine Seite holst. Gerne begleite ich dich auf deinem Weg zu einem guten und positiven Umgang mit deiner Wut. Du erreichst mich unter goni@mamaleicht.ch.
Häufige Fragen zu unterdrückter Wut aus der Kindheit
Warum werde ich so schnell wütend auf mein Kind?
Wenn die Wut unverhältnismässig stark kommt, hat sie meistens wenig mit der aktuellen Situation zu tun. Dein Kind drückt unbewusst Knöpfe, die mit alten Erfahrungen aus deiner eigenen Kindheit verbunden sind. Die Wut, die du heute spürst, ist häufig die Ohnmacht von damals. Das bedeutet nicht, dass du eine schlechte Mutter bist, sondern dass da etwas in dir ist, das noch gehört werden möchte.
Ist es normal, als Mutter wütend zu werden?
Ja. Wut ist ein ganz normales Gefühl und hat eine wichtige Funktion: Sie zeigt uns, dass etwas nicht mit unseren Werten oder Grenzen vereinbar ist. Das Problem ist nicht die Wut selbst, sondern dass die meisten von uns nie gelernt haben, gut mit ihr umzugehen. Gerade als Mutter kommt die Wut häufiger und intensiver, weil Erschöpfung und ständige Belastung weniger Energie für die Emotionsregulation übrig lassen.
Kann unterdrückte Wut aus der Kindheit krank machen?
Verdrängte Gefühle können sich tatsächlich in psychischen oder körperlichen Beschwerden zeigen. Wer jahrelang Wut, Traurigkeit und andere Emotionen unterdrückt, nimmt dem Körper ein wichtiges Ventil. Das kann sich in Erschöpfung, Verspannungen, Schlafproblemen oder auch in einem Gefühl innerer Leere äussern. Ein bewusster Umgang mit den eigenen Gefühlen ist deshalb nicht nur für die Beziehung zu deinen Kindern wichtig, sondern auch für deine eigene Gesundheit.
Was ist der Unterschied zwischen Wut und Aggression?
Wut ist ein Gefühl. Aggression ist ein Verhalten. Wut an sich ist weder gut noch schlecht; sie bringt eine Botschaft. Aggression entsteht dann, wenn die Wut unkontrolliert nach aussen entladen wird: Durch Schreien, Beschimpfen, Beschämen oder Verletzen. Das Ziel ist nicht, die Wut loszuwerden, sondern andere Ausdrucksformen für sie zu finden.
Wie kann ich lernen, nicht mehr so schnell zu explodieren?
Der wichtigste Schritt ist, die eigenen Warnsignale früher zu erkennen. Bevor wir explodieren, sendet unser Körper Signale: Verspannte Schultern, ein verkrampfter Kiefer, Gereiztheit. Im gelben Bereich können wir noch innehalten und der Wut zuhören. Im roten Bereich ist der denkende Teil unseres Gehirns bereits offline, da ist es für Reflexion zu spät. Ein persönliches Frühwarnsystem, wie das Ampelsystem im Gelassenheits-Kompass, kann dabei helfen, früher gegenzusteuern.
Wie gehe ich damit um, wenn mein Kind wütend ist?
Lass die Wut deines Kindes da sein. Zeige ihm, dass du es auch mit seiner Wut liebst. Kinder brauchen die Erfahrung, dass ihre Gefühle willkommen sind, auch die lauten und unbequemen. Statt die Wut zu unterbinden, kannst du dein Kind begleiten und ihm so helfen, nach und nach eigene Wege zu finden, mit starken Gefühlen umzugehen. Das ist eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben der Kindheit und der präfrontale Kortex, der dafür zuständig ist, reift erst in den frühen Zwanzigern vollständig aus. Es braucht also Zeit und Geduld. Nach dem Grundsatz: "Jedes Gefühl ist ok, aber nicht jedes Verhalten ist ok."
Dieser Artikel wurde erstmals am 14. Februar 2021 veröffentlicht und im Februar 2026 grundlegend überarbeitet und aktualisiert.
Goni Boller ist Mentorin und Coach für Mütter, die einen gelasseneren und klareren Umgang mit ihren bedürfnisstarken und vielseitigen Kindern finden möchten. Sie unterstützt Eltern dabei, herausfordernde Situationen besser zu meistern, mehr Ruhe und Sicherheit im Familienalltag zu gewinnen und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick zu behalten. Mit ihrem Wissen aus Hirnforschung, Neurodiversität, Psychologie und der kindlichen Entwicklung begleitet sie Mütter auf ihrem individuellen Weg, ein achtsames und stärkendes Familienleben zu gestalten.