Der Zeigefinger hebt sich, die Stimme färbt sich dunkel und wird lauter. Mein Sohn schrumpft ein paar Zentimeter.
Mein Sohn liebt Blumen. Meine Nachbarin liebt die Pflanzen in ihrem Garten und hat sich gar nicht gefreut, als mein 4Jähriger Sohn heimlich zwei gelbe Schwertlilien und eine Lauch-Blüte abgerissen hat.
So kam es, dass wir vor ihr standen und sie mit ihm geschimpft hat. Ich war selbst erst etwas überrumpelt.
Als sie fertig war, entstand eine kurze Pause. Dann begann mein Sohn zu weinen.
Ich habe ihn getröstet und die Nachbarin war verunsichert. Sie hätte das doch unbedingt loswerden wollen, doch diese Reaktion von meinem Sohn habe sie nicht erwartet.
Ich war selbst erst überrumpelt. Doch in diesem Moment wurde mir wieder klar: Genau deshalb versuche ich nicht mit meinen Kindern zu schimpfen.
In diesem Artikel
Warum ich nicht mit meinen Kindern schimpfe
Was Schimpfen wirklich bewirkt
Schimpfen ist eine Form der Bestrafung. Das Kind hat etwas getan, was ich nicht gut finde, also demütige ich es nun.
Dahinter stecken meist zwei Motive:
Erstens: Ich möchte, dass es dem Kind schlecht geht, damit es nie mehr eine Blume abreisst, ohne zu fragen. Eine Strafe also, um ein bestimmtes Verhalten zu verhindern.
Zweitens: Ich fühle mich schlecht. Die Situation ist anders, als ich es möchte. Durch das Schimpfen soll es dir nun auch schlechter gehen. Schliesslich bist du „schuld", dass ich mich so fühle.
Doch das Kind ist nie schuld an unseren Gefühlen. Dafür dürfen wir die Verantwortung selbst übernehmen.
Schimpfen ist der Moment, wo ich belehrend, wütend, mit erhobenem Zeigefinger und dunkler Stimme auf mein Kind einrede. Wir sind nicht im Gespräch. Ich halte einen Monolog, der nur darauf abzielt, meinen Standpunkt klarzumachen und dem Kind zu zeigen: Du hast falsch gehandelt.
Was beim Kind ankommt: Ich bin falsch.
Oder: Du bist gemein.

Aber Schimpfen funktioniert doch – oder?
Wenn es mir nur darum geht, dass mein Sohn nie mehr eine Blume abreisst, dann funktioniert Schimpfen vielleicht. Wenn er sich genug erschreckt und schlecht gefühlt hat, tut er es möglicherweise wirklich nicht mehr. Oder nur so, dass es keiner merkt. (Drei Jahre später kann ich sagen: Er hat keine Blumen mehr abgerissen in ihrem Garten, aber sie haben sich auch nie mehr so gut verstanden wie damals).
Mit vier Jahren ist seine Impulskontrolle noch nicht ausgereift, also wird er vielleicht doch wieder eine Blume abreissen.
Die abgerissenen Blumen kann ich nicht wieder ankleben.
Dafür leidet die Beziehung. In unserem Fall die Beziehung zwischen der Nachbarin und meinem Sohn. Die beiden hatten sich gut verstanden. Er besuchte sie oft im Garten, gemeinsam bewunderten sie Blumen und sammelten Sträusse.
Nach der Standpauke wollte er nicht mal mehr in meiner Begleitung zu ihr rüber.
Warum Kinder durch Schimpfen nichts lernen
Schimpfen bewirkt, dass das Kind das Gefühl hat, es sei falsch. Zu wenig vorsichtig, zu wenig einfühlsam, zu wenig brav – was auch immer der Grund für das Schimpfen war.
Schimpfen tut weh. Der Psyche des Kindes fügt es Schmerz zu, so wie eine äusserliche Verletzung dem Körper Schmerz zufügt. In Gehirnscans konnte gezeigt werden, dass emotionaler Schmerz sich genau so zeigt im Gehirn wie körperlicher.
Das Kind kommt während der Standpauke in einen Notmodus. Das Paradoxe daran: In diesem Modus kann ein Kind nicht lernen.
Die Nachbarin rechtfertigte ihr Schimpfen mit: „Er muss es doch lernen." So begründen viele Eltern, dass sie schimpfen. Doch genau das passiert nicht. Denn eine gute Lernumgebung bietet Sicherheit.
Wird mit einem Kind geschimpft, fühlt es sich alles andere als sicher. Es reagiert durch eine der typischen Stressreaktionen: Kämpfen, Fliehen oder Einfrieren.
Mein Sohn ist vor der Nachbarin eingefroren. Ich auch, im ersten Moment. Zum Glück bin ich schon gross und konnte die Standpauke nach kurzer Zeit freundlich stoppen.
Was kann man statt schimpfen machen?
Ich möchte nicht, dass mein Kind in Nachbars Garten Blumen stiehlt. Mir ist Ehrlichkeit wichtig und ich möchte nicht, dass wir etwas stehlen. Diesen Wert möchte ich meinem Kind vermitteln.
Durch Schimpfen wird mir das nicht gelingen. Dabei wird höchstens abgespeichert: „Wenn ich beim Blumen-Holen erwischt werde, ist das unangenehm." Das ist definitiv nicht, was ich vermitteln möchte. Noch weniger möchte ich meinem Kind das Gefühl geben, dass es selbst nicht okay ist, so wie es ist.
Nicht zu schimpfen heisst keineswegs, dass ich das Verhalten gutheisse.
Mit dem Kind sprechen
Eine starke Beziehung zu meinem Kind ist mir wichtig. Diese basiert unter anderem auf offener Kommunikation. Das bedeutet: Ich rede mit meinem Kind.
Ich erkläre ihm, warum ich es nicht gut finde, wenn Dinge von anderen Menschen genommen werden. Mein Sohn muss sich nicht schlecht fühlen. Er darf sich gut fühlen und dabei lernen, welche Werte mir wichtig sind.
Ich höre mir auch an, was bei ihm los war.
„Ich weiss, dass ich keine Blumen bei der Nachbarin abreissen soll. Aber ich habe es vergessen."
Er ist vier Jahre alt. Das ist okay. Das kann passieren.
„Was können wir in Zukunft tun, damit du das nicht mehr vergisst?"
„Mit dir zusammen in den Garten kommen."
Wunderbar. Lösung gefunden.

Gesellschaftliche Regeln sind kompliziert
Es braucht viele Jahre, viel Übung und gute Vorbilder, um zu lernen, wie das gesellschaftliche Zusammenleben funktioniert.
Wir alle machen Fehler. Und wir sind selbst auch froh, wenn uns diese vergeben werden. Unsere Kinder können wir beim Lernen unterstützen, indem wir mit ihnen in den Austausch gehen.
Dazu gehört auch, dass wir wütend werden und unserer Wut Ausdruck verleihen, ohne zu verletzen. Kinder sollen erkennen, dass uns Dinge ärgern.
Es ist völlig okay, dass die Nachbarin wütend oder traurig über die verlorenen Blumen war.
Ich habe hinterher mit meinem Sohn besprochen, wie das mit dem Schimpfen ist und dass es viele Menschen gibt, die glauben, das müsse man tun. Wir haben über Eigentum gesprochen, über Impulskontrolle und über das Zulassen von Gefühlen.
Es war ein starkes Gespräch. Und ich fühle mich wieder darin bestätigt, dass unser Weg für uns genau richtig ist.
FAQ: Schimpfen und Alternativen
Ist es nicht wichtig, dass Kinder auch mal Grenzen spüren und merken, wenn ich wirklich sauer bin?
Absolut. Kinder sollen sehr wohl spüren, wenn uns etwas ärgert oder wenn eine Grenze überschritten wurde. Der Unterschied ist: Ich kann meine Wut zeigen, ohne mein Kind zu demütigen. Ich kann sagen: „Ich bin richtig wütend, dass du die Blumen abgerissen hast, ohne zu fragen." Das ist klar, authentisch und respektvoll. Schimpfen hingegen ist ein Monolog, der das Kind klein macht und ihm das Gefühl gibt, falsch zu sein.
Aber ohne Konsequenzen lernen Kinder doch nie, was richtig und falsch ist?
Konsequenzen sind wichtig, aber natürliche, logische Konsequenzen. Wenn mein Kind Blumen abreisst, kann es der Nachbarin helfen, neue zu pflanzen oder es darf in Zukunft nicht mehr alleine in ihren Garten. Oder gemeinsam überlegen, wie wir das wiedergutmachen können. Das ist eine Konsequenz, aus der das Kind etwas lernt. Schimpfen ist keine logische Konsequenz, sondern eine Bestrafung, die vor allem eins bewirkt: Das Kind fühlt sich schlecht, aber versteht nicht wirklich, was es hätte anders machen sollen.
Mein Kind macht immer wieder dasselbe: Reicht reden dann überhaupt?
Kinder lernen durch Wiederholung. Gerade bei kleinen Kindern ist die Impulskontrolle noch nicht ausgereift. Ein Vierjähriger wird wahrscheinlich nicht nach einem Gespräch nie wieder eine Blume abreissen. Das ist entwicklungsbedingt normal. Was hilft: klare Strukturen schaffen (z.B. nur mit Mama zusammen in den Garten), wiederholt über Werte sprechen und geduldig bleiben. Schimpfen beschleunigt diesen Lernprozess nicht, im Gegenteil.
Was ist der Unterschied zwischen schimpfen und klar kommunizieren?
Schimpfen ist belehrend, laut, mit erhobenem Zeigefinger und oft von oben herab. Es ist ein Monolog, der das Kind klein machen soll. Klare Kommunikation ist respektvoll, auf Augenhöhe und öffnet den Dialog. Ich sage, was mich stört, höre zu, was beim Kind los war, und wir suchen gemeinsam eine Lösung. Das Kind fühlt sich gesehen statt beschämt.
Was mache ich, wenn andere Leute (Grosseltern, Nachbarn, Erzieher) mit meinem Kind schimpfen?
Das ist eine schwierige Situation. Du kannst in dem Moment freundlich, aber bestimmt eingreifen: „Danke, ich übernehme jetzt." Später kannst du mit deinem Kind darüber sprechen, dass verschiedene Menschen unterschiedlich reagieren und dass es in Ordnung ist, wie es ist. Mit den anderen Erwachsenen kannst du, wenn möglich und sinnvoll, ein ruhiges Gespräch suchen und deine Haltung erklären. Aber du musst niemanden überzeugen. Dein Kind zu schützen hat Vorrang.
Schadet einmaliges Schimpfen meinem Kind fürs ganze Leben?
Nein. Wir sind alle Menschen und manchmal rutscht uns etwas heraus. Wichtig ist, dass du danach mit deinem Kind darüber sprichst, dich entschuldigst und ihm erklärst, dass du überfordert warst. Kinder verzeihen schnell, wenn sie spüren, dass wir es ernst meinen. Problematisch wird es, wenn Schimpfen zum dauerhaften Erziehungsmuster wird, dann leidet die Beziehung und das Selbstwertgefühl des Kindes langfristig.
Ab welchem Alter kann ich denn erwarten, dass mein Kind gesellschaftliche Regeln versteht?
Gesellschaftliche Regeln sind komplex und abstrakt. Ein Vierjähriger versteht vielleicht „Blumen gehören der Nachbarin", aber in einem unbeobachteten Moment vergisst er es wieder, weil die Blume so schön ist und der Impuls stärker. Erst mit etwa sieben bis acht Jahren entwickelt sich die Impulskontrolle weiter und Kinder verstehen abstrakte Konzepte wie Eigentum besser. Bis dahin brauchen sie viel Begleitung, Wiederholung und Geduld.
Wird mein Kind nicht verwöhnt, wenn ich nie schimpfe?
Nein. Nicht schimpfen heisst nicht, alles durchgehen zu lassen. Es heisst, dass ich Grenzen setze, ohne zu verletzen. Dass ich klar kommuniziere, was okay ist und was nicht. Dass ich meinem Kind helfe, aus Fehlern zu lernen, statt es dafür zu bestrafen. Verwöhnung entsteht nicht durch Respekt, sondern durch fehlende Grenzen und Konsequenzen.
Was sage ich zu Menschen, die behaupten: „Ein bisschen schimpfen hat uns auch nicht geschadet"?
Du kannst freundlich, aber bestimmt sagen: „Ich mache das für meine Familie anders." Oder: „Ich möchte, dass mein Kind lernt, ohne sich dabei schlecht fühlen zu müssen." Du musst dich nicht rechtfertigen. Und ehrlich gesagt: Viele Erwachsene haben durch Schimpfen, Strafen und Beschämung sehr wohl Schaden genommen: Mangelndes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten in Beziehungen, Unsicherheit, das Gefühl nicht ok zu sein. Sie haben es nur vielleicht nie in Verbindung gebracht.
Wie bleibe ich ruhig, wenn mein Kind zum x-ten Mal dasselbe tut?
Indem du dich daran erinnerst: Mein Kind ist nicht absichtlich nervend. Es ist noch im Lernprozess. Seine Impulskontrolle ist nicht fertig entwickelt. Das hilft, das Verhalten weniger persönlich zu nehmen. Ausserdem: Sorge gut für dich selbst. Wenn du erschöpft, hungrig oder gestresst bist, fällt Geduld schwer. Manchmal hilft auch eine kurze Pause: „Ich bin gerade sehr wütend. Ich brauche einen Moment für mich, dann reden wir."
Artikel vom Mai 2023, Update Mai 2025
Goni Boller ist Mentorin und Coach für Mütter, die einen gelasseneren und klareren Umgang mit ihren bedürfnisstarken und vielseitigen Kindern finden möchten. Sie unterstützt Eltern dabei, herausfordernde Situationen besser zu meistern, mehr Ruhe und Sicherheit im Familienalltag zu gewinnen und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick zu behalten. Mit ihrem Wissen aus Hirnforschung, Neurodiversität, Psychologie und der kindlichen Entwicklung begleitet sie Mütter auf ihrem individuellen Weg, ein achtsames und stärkendes Familienleben zu gestalten.