Hast du manchmal das Gefühl gegen eine Wand zu reden und dein Kleinkind hört dir nicht zu?
Ich glaube, das kennen die meisten Eltern und dann scheint es doch bei gewissen Kindern einfach extremer zu sein. So als ob sie ihre Ohren verschliessen könnten und erst recht das tun, was wir gerade gesagt haben, sollten sie sein lassen.
Das kann bewirken, dass wir uns machtlos, ignoriert oder wertlos fühlen. Ganz schön unangenehm! Und kein Wunder, dass so viele Eltern dann wütend werden und an ihre Grenzen kommen (oder weit darüber hinaus).
Dann rutschten uns "wenn..... dann"-Sätze raus und wir geben uns "Erziehungsmassnahmen" hin, die wir nie verwenden wollten, wie Drohen, Schimpfen oder Strafen. Dabei wollten wir doch einfühlsam, liebevoll und unterstützend mit dem Kind sein. Oje.
Viele moderne Eltern wünschen sich eine Kommunikation mit ihrem Kind, die auf Wohlwollen, Respekt und Kooperation beruht. Die Werte haben sich verändert und eine autoritäre Erziehung mit absolutem Gehorsam ist kaum mehr unser Ziel.
Doch gerade wenn wir Dinge anders machen möchtest, als wir es selbst erlebt haben, fühlen wir uns zeitweise ohnmächtig oder hilflos. Denn bei unseren Eltern haben wir Vieles über den Umgang miteinander abgeschaut.
Ganz besonders in stressigen Situationen, zum Beispiel, wenn unsere Kinder nicht hören, fallen wir vielleicht in alte Muster zurück und reagieren so, wie das unsere Eltern getan hätten und wir es nie tun wollten.
Ich bin überzeugt, dass es für alle Eltern einen Weg gibt, in Kontakt und Beziehung mit ihren Kindern zu bleiben und gleichzeitig das Gefühl zu haben, dass das Kleinkind (oder auch grössere Kind) zuhört.
In diesem Artikel teile ich mein Wissen, sowie meine Gedanken und Erfahrungen zu dem Thema mit dir.
Die 3 häufigsten Gründe, warum Kleinkinder "nicht hören"
1. Das Gehirn ist entwicklungsbedingt noch nicht ausgereift (präfrontaler Cortex)
2. Das Kind ist überlastet und kann keine weiteren Informationen aufnehmen
3. Das Kind ist so ins Spiel vertieft, dass es dich neurologisch nicht wahrnimmt
Zu diesem Thema gibt es einen Podcastbeitrag, den du hier hören kannst:
Warum "nicht hören" meist etwas ganz anderes ist
Bevor wir zu den Strategien kommen, lass uns einen Moment innehalten. Denn oft liegt das Problem gar nicht beim "nicht hören wollen", sondern beim "nicht hören können". Was auf den ersten Blick als nicht besonders wichtiger Unterschied erscheinen mag, macht einen sehr grossen Unterschied für uns uns unsere Reaktion.
Lass uns eine Situation durchspielen. Du sagst deinem Kind, es solle die Spielsachen wegräumen, die mitten im Weg liegen. Als du das nächste Mal durchkommst, ist alles noch wie vorher.
Wie reagierst du, wenn du denkst: "Mein Kind will nicht auf mich hören. Ich muss machen, dass es hört."?
Und wie reagierst du, wenn du denkst: "Mein Kind hat mich zwar gehört, kann aber gerade nicht umsetzen, worum ich gebeten habe. Lass uns herausfinden, woran das liegt."?
Woran kann es liegen, wenn ein Kind nicht (zu)hört?
Dein Kind ist entwicklungsbedingt noch nicht so weit
Das Gehirn eines Kleinkindes ist noch nicht ausgereift. Der präfrontale Cortex – der Teil, der für Impulskontrolle, Planung und vernünftiges Handeln zuständig ist – entwickelt sich bis ins junge Erwachsenenalter.
Konkret heisst das: Wenn dein Zwei- oder Dreijähriges gerade tief ins Spiel vertieft ist und du sagst "Komm essen", dann kann es diese Information neurologisch oft gar nicht verarbeiten, während es sich auf etwas anderes konzentriert.
Oder es verfügt noch gar nicht über die Möglichkeit einen Impuls wie "Spielen" zu unterdrücken und stattdessen auf "Aufräumen" zu schalten.
Überforderung sieht aus wie Verweigerung
Stell dir vor, du arbeitest hochkonzentriert an einem wichtigen Projekt. Jemand kommt rein und sagt: "Kannst du mal eben drei Dinge gleichzeitig erledigen?" Dein Gehirn würde blockieren. Und genau das passiert auch bei Kindern, sie sehen vielleicht aus, als würden sie nicht hören, doch eigentlich schützt sie ihr System gerade vor einer Überforderung.
Während das bei allen Kindern passieren kann, dass eine Anfrage oder Bitte von uns überfordernd wirkt, so kann das beispielsweise für Kinder mit ADHS oder hochsensiblen Kindern besonders schwierig sein. Denn sie haben möglicherweise weniger Kapazität für Reize und Übergänge von einer Tätigkeit zur nächsten sind herausfordernd für sie. Wenn sie gerade visuell, akustisch oder emotional überlastet sind, können sie buchstäblich nichts mehr aufnehmen. Was wie Ignorieren aussieht, ist in Wahrheit ein überfordertes Nervensystem.
Exekutive Funktionen brauchen Zeit
"Räum dein Zimmer auf" klingt für uns Erwachsene nach einer klaren Anweisung. Für ein Kind bedeutet das:
- Die Anweisung verstehen (Was beinhaltet das alles? Was muss ich aufräumen? Wo gehört was hin?)
- Sich vom aktuellen Tun lösen
- Einen Plan machen (wo fange ich an?)
- Diesen Plan umsetzen
- Sich nicht ablenken lassen
- Durchhalten bis zum Ende
Das sind etwa sechs verschiedene exekutive Funktionen, die bei Kleinkindern noch kaum entwickelt sind. Bei bedürfnisstarken und neurodiversen Kindern sind diese Funktionen zusätzlich verzögert entwickelt.
Dein Kind "hört" also vielleicht. Es kann nur (noch) nicht umsetzen, was es hört.
Stress schaltet das Gehirn ab
Wenn Kinder gestresst sind, beziehungsweise ihre grundlegenden Bedürfnisse nicht erfüllt sind, durch Hunger, Müdigkeit, Reizüberflutung oder emotionale Überforderung, kann ihr Gehirn auf Überlebensmodus schalten. Dann ist der präfrontale Cortex offline. Vernunft? Nö. Kooperation? Geht nicht mehr.
Gerade hochsensible Kinder geraten schneller in diesen Zustand. Ein normaler Tag im Kindergarten kann für sie so anstrengend sein, dass abends jede Kleinigkeit zum Drama wird. Damit wollen sie uns nicht ärgern oder Grenzen testen oder so was, sondern ihr System ist am Limit und schafft einfach keine anspruchsvollen, schwierigen Aufgaben mehr.
Die 4 Grundpfeiler für mehr Kooperation
Bevor ich dir konkrete Strategien zeige, lass uns über die Grundlage sprechen. Denn echte, nachhaltige Veränderung entsteht nicht durch irgendwelche magischen Techniken und Tricks, sondern durch Arbeit an der eigenen Haltung, am Umgang miteinander und mehr Verständnis füreinander.
In meiner Arbeit mit Eltern arbeite ich mit vier Grundpfeilern, die wie Werkzeuge funktionieren, um durch das Labyrinth der Elternschaft zu navigieren:
KOMPASS – Innere Klarheit & Selbstbeziehung
Bevor du mit deinem Kind kommunizierst, brauchst du Klarheit bei dir selbst. Warum triggert es dich so sehr, wenn dein Kind nicht sofort reagiert? Was löst das in dir aus?
Oft liegt es an eigenen Prägungen: Vielleicht musstest du als Kind sofort gehorchen. Vielleicht hast du das Gefühl, eine "gute Mutter" müsse alles im Griff haben. Vielleicht fühlst du dich bewertet von aussen.
Innere Klarheit wird äussere Klarheit. Wenn du verstehst, warum du so reagierst, wie du reagierst, kannst du anders handeln.
KARTE – Emotionale Intelligenz & Selbstregulation
Du kannst von deinem Kind keine Regulation erwarten, wenn du selbst nicht reguliert bist. Das bedeutet nicht, dass du nie wütend werden darfst. Es bedeutet, dass du lernst, mit deinen Emotionen umzugehen, diese zu spüren, kennenzulernen und einen guten Umgang damit zu finden, ohne sie auf dein Kind zu übertragen.
Echte Gelassenheit kommt nicht davon, dass du etwas tust, sondern dass du dich auf das einlässt, was gerade ist.
Wenn dein Nervensystem im Stressmodus ist, wird dein Kind das spüren und die Chancen stehen hoch, dass es ebenfalls in den Stressmodus geht. Dann ist Kooperation, Lösungsfindung und ein respektvoller Umgang miteinander unmöglich.
BRÜCKE – Verbindung & Beziehungsgestaltung
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat immer wieder betont: Kinder wollen kooperieren, dazu müssen sie nicht erzogen oder gezwungen werden. Für uns Eltern fühlt sich das nicht immer so an. Doch mir gefällt das Bild einer Brücke dafür. Wir suchen die nächstmögliche Brücke zum Kind in Stress-Situationen, um wieder in Verbindung zu kommen (statt das Verhalten des Kindes ändern zu wollen).
Vertrauen und Verbundenheit statt Kontrolle. Wenn die Verbindung stimmt, wird Kooperation leichter. Wenn die Verbindung unterbrochen ist, nützen alle Erziehungstricks nichts.
LAMPE – Wachstum & Ausrichtung
Langfristig geht es darum, Strategien zu entwickeln, die zu euch als Familie passen. Nicht alles funktioniert bei allen. Insbesondere für Eltern die Kinder haben, die nicht ins Schema F passen, laufen vermeintliche Geheimtipps ins Leere. Das gilt nicht nur für Tipps von anderen Eltern, sondern auch aus Ratgebern und Fachpersonen. Wenn dein Kind neurodivergent, gefühlsstark, hochsensibel, usw. ist, dann braucht es Expertise in diesem Bereich, um überhaupt zu helfen und auch dann:
Kennst du ein Kind - kennst du ein Kind.
(Nicht - kennst du ein Kind, kennst du jedes Kind)
Darum ist es so wichtig herauszufinden, was zu dir, deinem Kind, deiner Familie, deinem Umfeld und deiner Situation passt. Dann gelingt es eine Vision zu haben, wohin ihr wollt und Möglichkeiten zu finden, wie ihr das erreichen könnt.
Der Schlüssel dazu: Wissen und Intuition verbinden.

Erziehung oder Kooperation?
Wenn wir an Erziehung denken, haben viele von uns ein bestimmtes Bild im Kopf: Wir Eltern wissen, was richtig und gut ist. Unsere Aufgabe ist es, dieses Wissen irgendwie in unsere Kinder "hineinzubekommen".
Das klingt schon in der Theorie nach einer enormen Verantwortung. In der Praxis ist es oft nicht nur anstrengend, sondern funktioniert auch einfach nicht.
"Mein Kleinkind hört erst, wenn ich laut werde"
Diesen Satz höre ich immer wieder. Und ich verstehe, woher er kommt. Viele von uns haben es als Kinder selbst so erlebt: Die Eltern wurden laut, wenn sie sich nicht mehr zu helfen wussten. Und sie rechtfertigten das damit, dass wir ihnen "keine andere Wahl gelassen" hätten.
Als Kinder haben wir das geglaubt. Wir hatten noch keine Möglichkeit, solche Aussagen zu hinterfragen.
So tragen wir als Erwachsene die Überzeugung mit uns herum: Es geht gar nicht anders. Laut werden und schimpfen gehört dazu. Das braucht es, damit ein Kind sich benimmt und "etwas aus ihm wird". Glaubst du nicht? Ich auch nicht. Dennoch können solche Prägungen tief in uns verankert sein und sich in den unmöglichsten Momenten bemerkbar machen.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Heute haben wir Zugang zu ganz anderen Informationen über kindliche Entwicklung. Die Forschung zeigt uns: Diese alten Methoden bringen uns nicht dorthin, wo wir eigentlich hinwollen.
Wir möchten selbstbewusste, selbstständige und kreative Kinder.
Kinder, die ein erfülltes Leben führen können und für sich einstehen.
Kinder, die Beziehungen auf Augenhöhe führen können.
Erziehungsmethoden, die auf Strafen, Drohungen, Lob und Tadel beruhen, führen nicht dorthin. Sie führen zu Kindern, die funktionieren, solange jemand zuschaut. Aber nicht zu Kindern, die aus innerer Überzeugung handeln.
Was macht unsere Kinder selbstbewusst und kooperativ?
- Liebevolle, empathische Begleitung
- Klare Kommunikation
- Raum für die Bedürfnisse aller Familienmitglieder
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat in vielen seiner Bücher* betont: Kinder wollen kooperieren. Sie müssen nicht dazu erzogen werden. Sie brauchen nur die richtige Umgebung und Beziehung dazu.
Das bedeutet nicht, dass alles immer harmonisch abläuft oder Kinder nie Grenzen testen. Auch wird es Konflikte geben, Streit und Krisen. Doch all das sind auch Lernfelder für unsere Kinder.
Es bedeutet, dass wir von einer anderen Grundannahme ausgehen:
Das Kind ist nicht ein Gegner, den wir unter Kontrolle bringen müssen. Das Kind ist ein Partner, mit dem wir gemeinsam Lösungen finden.

Was passiert im Gehirn, wenn Eltern schreien?
Lass uns ehrlich sein: Weniger zu schreien und zu schimpfen ist nicht nur eine nette Idee für dein Kind. Es ist auch ein Geschenk an dich selbst.
Wenn du es schaffst, ruhiger und klarer zu kommunizieren, führt das zu:
- Einer besseren Beziehung zu deinem Kind: Mehr Verbindung, weniger Machtkämpfe, mehr Momente, die ihr beide geniesst
- Einem besseren Gefühl mit dir selbst: Du gehst abends nicht mehr mit Schuldgefühlen ins Bett
- Persönlichem Wachstum: Du lernst unglaublich viel über dich selbst und kannst mit deinem Kind gemeinsam wachsen
- Positiven Auswirkungen auf dein gesamtes Leben: Die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren und klar zu kommunizieren, hilft dir überall
Was passiert, wenn wir schreien?
Schreien erschreckt unsere Kinder. Es unterbricht die Bindung und versetzt sie in den Notmodus – falls sie nicht ohnehin schon dort waren.
Die erwünschte erzieherische Funktion hat Schreien nicht. Das Kind hört dann nicht auf, weil es verstanden hat, dass etwas falsch war. Es hört auf, weil sein Nervensystem in den Freeze-Modus geht oder es uns gefallen will uns es sich zusammenreisst, falls es das schafft.
Der Körper schüttet Stresshormone aus. Diese Hormone kann ein Kind nicht einfach abbauen. Es wird in der nächstmöglichen Situation wieder "austicken" oder andere Wege finden, um diese angestauten Stresshormone zu entlassen.
Im schlimmsten Fall trainierst du dein Kind sogar darauf, erst dann zu reagieren, wenn du laut wirst. Und ganz sicher lernt es daraus: In stressigen Situationen schreien oder einfrieren ist normal.
Es geht auch anders
Es ist möglich, deine Grenzen ruhig und klar zu kommunizieren. Mit etwas (oder auch ein bisschen mehr) Übung gelingt das immer besser. Wenn wir uns dies nicht gewohnt sind, kann es eine Umstellung sein. Doch eigene Grenzen wahren ist für uns Eltern, und alle anderen Menschen, eine wahrlich sinnvolle Fähigkeit.
Klar werden wir getriggert und klar werden wir wütend. Das ist an sich ja auch völlig ok. Wir dürfen wütend sein und wir dürfen unsere Wut kommunizieren. Wir sollen sogar, wir dürfen nicht nur.
Aber es ist möglich zu lernen, mit deinen Emotionen so umzugehen, dass du sie selbst regulieren kannst , ohne sie auf dein Kind zu übertragen.
Ich hoffe die folgenden 7 konkreten Strategien unterstützen dich auf deinem Weg zu einer respektvollen und funktionierenden Kommunikation mit deinem Kind:
1. Deine eigentliche Aufgabe als Elternteil: Dein Kind braucht keine Erziehung, sondern einen sicheren Rahmen
Du musst nicht dafür sorgen, dass aus deinem Kind "etwas wird". Kinder sind schon gut und sind schon jemand. Sie möchten kooperieren, das müssen sie nicht erst lernen und wir müssen es ihnen auch nicht beibringen.
Viele Eltern glauben, sie seien verantwortlich dafür, ihr Kind "richtig zu erziehen", damit es später funktioniert. Das ist eine unglaubliche Last und ich sehe das ganz anders.
Deine Hauptaufgabe ist es, einen sicheren Rahmen zu schaffen:
- Körperliche und emotionale Sicherheit
- Freiraum zur Entwicklung
- Bedingungslose Liebe, die dein Kind spürt, egal, was gerade passiert ist
Wie du das umsetzt: Überlege dir, welche Werte dir wirklich wichtig sind. Nicht die Werte, die du meinst haben zu müssen. Sondern die, die dir im Herzen wichtig sind. Lebe diese Werte vor.
Wenn dir Respekt wichtig ist, dann behandle dein Kind respektvoll, auch wenn es gerade nicht kooperiert. Wenn dir Ehrlichkeit wichtig ist, sei ehrlich zu deinem Kind, auch über deine eigenen Gefühle.
2. Was du sagen kannst, statt laut zu werden: Dein Kommunikations-Werkzeugkasten
In dem Moment, in dem dein Kind die Schuhe immer noch nicht anzieht, abschon ihr vor 5 Minuten losgehen wolltet, steigt die Wut hoch. Dein Impuls ist: Laut werden. Schimpfen. Drohen. Damit es endlich doch noch losgeht.
Häufig fehlt uns in diesen Momenten die Alternativen. Manchmal werden die Socken lebendig, damit die Füsse in die Schueh gehen, doch für spielerisch haben wir häufig unter Zeitdruck keine Nerven mehr.
Was können wir sonst noch sagen?

Wenn du merkst, dass du gleich laut wirst
Statt zu schreien, kannst du sagen:
"Stopp. Ich merke, ich werde gleich laut. Das möchte ich nicht. Ich brauche kurz eine Pause."
Dann: Kurz rausgehen, tief durchatmen, Hand aufs Herz legen. usw. um das Nervensystem zu regulieren.
In der Situation oben hätte das allerdings schon früher geschehen sollen. Bist du schon zu spät dran, nimmst du dir kaum die Zeit, um noch ein bisschen raus atmen gehen.
Vorwarnen
Du kannst dein Kind auch vorwarnen, dass du wütend bist und gleich explodieren könntest. Was du aber nicht möchtest.
"Ich merke, ich werde gerade sehr wütend, weil wir so unter Zeitdruck stehen. Gleich könnte ich explodieren, was ich gar nicht möchte. Ziehst du dir die Schuhe an oder soll ich?"
Wahlmöglichkeiten geben
Das bringt uns direkt zum nächsten Punkt. Gib dem Kind zwei Auswahlmöglichkeiten. Einerseits gibt das einen klaren Rahmen vor: Nur diese beiden Dinge sind möglich. Gleichzeitig hat das Kind eine Auswahlmöglichkeit und damit Autonomie.
Statt: "Zieh JETZT deine Jacke an!"
Besser: "Möchtest du die rote oder die blaue Jacke? Du entscheidest."
Statt: "Räum dein Zimmer auf!"
Besser: "Was möchtest du zuerst aufräumen – die Legos oder die Bücher?"
Statt: "Komm SOFORT essen!"
Besser: "Möchtest du noch 2 Minuten weiterspielen oder gleich kommen?"
Das gibt deinem Kind das Gefühl von Autonomie und genau das brauchen Kinder in diesem Alter. Sie wollen mitbestimmen und sich selbstwirksam fühlen. Wenn du ihnen diese Möglichkeit in einem sicheren Rahmen gibst, reduzieren sich Machtkämpfe oft wie von selbst.
Manchmal kann das überraschend gut funktionieren. Doch nur bevor das Kind im Notmodus ist und nur noch schreit. Denn dann geht gar nichts mehr.
Kind ist schon im Notmodus: Buttom Up statt Top Down
Ist das Kind schon im Notmodus, dann braucht es keine Argumente, Erklärungen oder andere "top down" (vom Kopf her) Methoden, um an das Kind heranzukommen. Was helfen kann das Kind dabei zu unterstützen runterzukommen sind "bottom up" (vom Körper her) Methoden.
Also beruhigend auf das Kind einwirken mit Körpersprache, da sein, mit ruhiger Stimme etwas sagen ("Ich sehe, dass das gerade schwierig ist. Ich bin da.")
Wenn noch keiner im Notmodus ist, aber dein Kleinkind nicht hört
Statt lauter zu werden:
"Ich sehe, du bist gerade beschäftigt. In zwei Minuten brauche ich deine Aufmerksamkeit."
Oder: Hingehen, auf Augenhöhe gehen (aber nicht das Kind zwingen dich anzuschauen) und auf das Kind eintunen: "Machen die beiden Autos gerade ein Rennen? Wer wohl gewinnt?". Nach dem Rennen ist das Kind offen dir zuzuhören. Mehr dazu unter Punkt 4.
Wenn dein Kind sich weigert
Statt zu drohen ("Wenn du jetzt nicht... dann..."):
"Ich sehe, du möchtest das nicht. Und trotzdem ist es jetzt Zeit dafür. Brauchst du Hilfe oder schaffst du es alleine?"
Oder:
"Du möchtest nicht aufhören zu spielen. Das verstehe ich. Und trotzdem müssen wir jetzt los. Möchtest du den roten oder den blauen Pulli anziehen?"
Das Zauberwort: "Und trotzdem" statt "aber". Es erkennt das Gefühl des Kindes an, ohne die Grenze zu verschieben. Alternativ: "Gleichzeitig" verwenden.
Wenn du erschöpft bist und keine Kraft mehr hast
Statt aus Erschöpfung laut zu werden:
"Ich bin gerade sehr erschöpft. Ich kann nicht so viel reden. Bitte zieh jetzt deine Schuhe an."
Oder einfach nur:
"Schuhe. Jetzt."
Kurz und klar ist besser als lange Erklärungen, wenn du am Limit bist.
Wenn dein Kind provoziert
Statt zu schimpfen:
"Ich merke, du brauchst gerade meine Aufmerksamkeit. Wie können wir das anders lösen?"
Oder:
"Ich sehe, dass du wütend bist. Schreien/Hauen/Werfen ist trotzdem nicht ok. Was brauchst du?"
Das benennt, was wirklich los ist, statt nur das Verhalten zu kritisieren. Immer nach dem Leitsatz: Jedes Gefühl ist ok, aber nicht jedes Verhalten ist ok.
Wenn du eine Grenze setzen musst
Statt zu drohen oder zu bestrafen:
"Das möchte ich nicht. Bitte hör jetzt auf."
Oder:
"Nein. Das ist nicht ok."
Oder:
"Ich weiss, dass du das gerne möchtest. Und trotzdem geht das jetzt nicht."
Grenzen dürfen klar und freundlich gleichzeitig sein. Du musst nicht laut werden, um ernst genommen zu werden.
Bei gefühlsstarken oder neurodiversen Kindern
Manchmal reichen auch diese Alternativen nicht. Besonders bei Kindern mit ADHS, Hochsensibilität oder anderen neurologischen Besonderheiten kann es sein, dass:
- Sie nicht wählen können (Entscheidungslähmung)
- Sie die Worte hören, aber nicht verarbeiten können (Reizüberflutung)
- Sie so im Stress sind, dass keine verbale Kommunikation mehr ankommt
Dann hilft:
Weniger reden. Mehr handeln.
"Komm, ich helfe dir." (und einfach gemeinsam machen)
Oder: Gar nichts sagen. Einfach die Hand reichen, zum Schuhschrank gehen, hinknien, Schuh in die Hand nehmen, abwarten.
3. Mindset-Change: Dein Kind verhält sich einfach nur wie ein Kind
Dieser Punkt klingt selbstverständlich, aber im Alltag vergessen wir ihn ständig.
Dein Kind tut nichts, um dich zu ärgern. Es tut immer nur Dinge, die ihm bei etwas helfen oder etwas ermöglichen, was es gerade braucht.
Wenn dein Kind den Löffel fallen lässt, erforscht es vielleicht Schwerkraft. Wenn es die Schuhe durch den Flur wirft, hat es vielleicht zu viel Energie und muss sich bewegen. Wenn es beim dritten Mal Rufen immer noch nicht kommt, ist es vielleicht so vertieft, dass es dich neurologisch nicht wahrnehmen kann.
Gerade bei Kindern mit ADHS ist die sogenannte "Hyperfokussierung" ein bekanntes Phänomen. Wenn sie in etwas vertieft sind, existiert die Außenwelt nicht mehr. Das ist keine Bockigkeit. Das ist, wie ihr Gehirn funktioniert.
Wie du das umsetzt: Such dir ein Mantra, das dich daran erinnert. Häng es an den Spiegel, speichere es als Bildschirmhintergrund, klebe es an den Kühlschrank:
- "Mein Kind handelt immer für sich, nie gegen mich."
- "Mein Kind tut sein Bestes mit den Fähigkeiten, die es gerade hat."
- "Herausforderndes Verhalten ist ein Hilferuf, kein Angriff."
4. Baue eine echte Verbindung auf
Das ist der wichtigste Punkt von allen, denn: Ohne Verbindung keine Kooperation.
Manchmal ist die Lösung ganz einfach: Dein Kind hat dich nicht gehört. Und zwar nicht, weil es dich ignoriert, sondern weil es gerade mit etwas anderem beschäftigt ist.
So baust du Verbindung auf:
- Geh zu deinem Kind hin (statt aus der Küche zu rufen)
- Berühre es sanft an der Schulter oder am Rücken
- Geh auf Augenhöhe (hock dich hin)
- Warte, bis es dich anschaut oder auch nicht, es muss dich nicht anschauen. Nicht für jedes Kind ist Blickkontakt gleich angenehm, schon gar nicht erzwungener.
- Kommentiere zuerst, was es gerade tut: "Oh, der Bagger ist aber schwer beladen!"
- Warte einen Moment
- Bringe dann dein Anliegen vor
Das klingt nach viel Aufwand? Überleg mal: Wie oft rufst du normalerweise, bis du laut wirst? Fünf Mal? Sieben Mal? Und wie viel Energie kostet dich das emotional und zeitlich?
Wenn du einmal zu deinem Kind hingehst, die Verbindung herstellst und ihr direkt eine gemeinsame Lösung findet, sparst du dir diese fünf frustrierenden Wiederholungen.
Besonders bei gefühlsstarken oder hochsensiblen Kindern: Manchmal reicht selbst diese Verbindung nicht aus. Ihr Nervensystem ist vielleicht schon so überlastet, dass sie buchstäblich nichts mehr aufnehmen können. Dann braucht es erst Regulation, bevor Kooperation möglich ist.
Zeichen für ein überlastetes Nervensystem:
- Das Kind reagiert extrem emotional auf Kleinigkeiten
- Es kann nicht stillsitzen
- Es wirkt "abwesend" oder starrt ins Leere
- Es wird aggressiv bei Berührung oder Augenkontakt
In diesen Momenten hilft kein Reden. Dann braucht es erst Ruhe, Rückzug oder körperliche Co-Regulation (z.B. gemeinsam langsam atmen, eine Umarmung, leise Musik, körperliches Spiel, Buch gemeinsam anschauen).
5. Keine Wiederholungen
Wenn dein Kind nicht reagiert hat, als du gesagt hast, es solle sein Zimmer aufräumen, dann wiederhole es nicht einfach.
Jede Wiederholung trainiert dein Kind darauf, dass deine Worte beim ersten Mal nicht wichtig sind. Unbewusst lernt es: "Mama meint es erst ernst, wenn sie laut wird."
Stattdessen: Gehe davon aus, dass dein Kind dich nicht gehört hat. Baue eine Verbindung auf (siehe Punkt 4) und formuliere deine Bitte dann neu.
Wichtig: Überprüfe auch, ob deine Bitte verständlich war. "Räum dein Zimmer auf" ist für ein Kleinkind eine riesige, abstrakte Aufgabe.
Besser:
- "Leg die Bauklötze in die Kiste."
- Pause. Warte, bis es das gemacht hat.
- "Super. Jetzt die Autos ins Regal."
- Pause.
- "Toll. Jetzt noch die Bücher auf den Stapel."
Am besten geht das sowieso gemeinsam und mit passender Aufräum-Musik dazu.
Gerade bei Kindern mit ADHS oder Kindern, die schnell überfordert sind, kann "Räum dein Zimmer auf" zu komplex sein. Ihr Gehirn kann die Aufgabe nicht in Teilschritte zerlegen. Du musst das für sie tun und gemeinsam üben, damit das Kind es später einmal selbständig kann.
Praxistipp: Anstatt zu wiederholen, kannst du auch fragen: "Hast du gehört, was ich gesagt habe?" Oft merkst du dann, dass dein Kind tatsächlich nicht zugehört hat.

6. Mach es dir nicht zu schwer: Einfache Worte, klare Ansagen
Je einfacher und klarer deine Anweisung, desto eher wird dein Kind sie befolgen können.
Statt: "Könntest du bitte vielleicht jetzt langsam mal deine Schuhe anziehen, weil wir müssen nämlich gleich los und ich möchte nicht zu spät kommen?"
Besser: "Schuhe an."
Oder noch besser: "Schuhe an. Ich helfe dir." (und dann wirklich hingehen und gemeinsam machen)
Das bedeutet nicht, dass du barsch oder unfreundlich sein sollst. Du kannst freundlich und klar gleichzeitig sein:
"Schatz, Schuhe an, bitte. Wir gehen jetzt los."
Wenn dein Kind sich weigert: Dann kannst du immer noch erklären. Aber die erste Anweisung sollte kurz und klar sein.
Bei Konflikten darfst du auch einfach sagen: "Das möchte ich nicht" oder "Das ist mir wichtig." Du musst nicht alles erklären und rechtfertigen.
Spielerische Wege nutzen:
Kinder machen oft lieber mit, wenn Dinge spielerisch ankommen:
- Eine Handpuppe spricht in deinem Namen
- "Wer ist schneller beim Zähneputzen; du oder dein Teddy?"
- Ihr singt ein Lied beim Anziehen
- Du machst aus dem Aufräumen ein Spiel: "Ich räume die roten Sachen weg, du die blauen!"
Das ist nicht "Kindern alles recht machen", wie es manchmal kritisiert werden könnte. Sondern mit diesem Umgang mit einem Kind nehmen wir Rücksicht auf seinen Entwicklungsstand. Wir kommunizieren so, dass es für das Kind funktioniert, denn Kinder lernen im Spiel, dies ist ihre Sprache.
Bei neurodiversen Kindern besonders hilfreich: Visualisierungen. Statt zu sagen "Mach dich fertig", nutze Visualisierungen.. Zum Beispiel in Form von Bildern der Tätigkeiten. So kann das Kind schauen, was als nächstes dran ist und was es schon alles geschafft hat.
Viele Kinder mit ADHS oder Autismus-Spektrum-Störung und auch ganz viele andere Kinder - auch neurotypische - können visuelle Informationen viel besser verarbeiten als verbale.
7. Mach es dir einfacher: Der Perspektivenwechsel
Wenn du dich weniger ärgern möchtest über das Verhalten deines Kindes, versuche einen Perspektivenwechsel.
Die Geschichte vom gelben und blauen Pulli, die ich so super finde, aber gar nicht mehr weiss, wo ich sie das erste Mal gelesen habe:
Stell dir vor, du bist im Kleidergeschäft und möchtest einen blauen Pulli kaufen. Die Verkäuferin packt dir aber einen gelben ein. Als du dich beschwerst, sagt sie: "Ach, stell dich nicht so an, das spielt doch keine Rolle!" Als du insistierst, lacht sie dich aus und schickt dich mit dem gelben Pulli nach Hause.
Absurd? Genau so fühlt sich ein Zweijähriges, das den blauen statt den gelben Becher haben möchte.
Für uns Erwachsene ist die Becherfarbe unwichtig. Für das Kind ist es in diesem Moment die wichtigste Sache der Welt.
Wie du damit umgehst:
"Ich sehe, du wolltest den blauen Becher. Der ist gerade im Geschirrspüler. Du kannst zwischen dem gelben, dem roten oder dem weissen wählen. Was möchtest du?" So nimmst du das Gefühl ernst, ohne die Grenze zu verschieben.
Perspektivenwechsel bei "nicht hören":
- Statt: "Das Kind ignoriert mich absichtlich!"
- Denk: "Das Kind ist gerade in seinem eigenen Universum. Wie kann ich eine Brücke bauen?"
- Statt: "Warum ist das bei uns so schwer?"
- Denk: "Mein Kind verarbeitet die Welt anders. Was braucht es, um mich überhaupt wahrnehmen zu können?"
Bonus: Was du tun kannst, wenn es geknallt hat - die Kraft der Reparatur
Du wirst Momente haben, in denen du laut wirst. In denen dir Dinge rausrutschen, die du so nicht sagen wolltest. In denen du ungeduldig bist oder überreagierst.
Das passiert wahrscheinlich allen Eltern, auch mir, auch den Influencern, die etwas anderes erzählen. Auch denen die Kurse gegeben oder Bücher geschrieben haben.
Und das ist auch gut so!
Denn es ist menschlich und unsere Kinder sollen Menschen als ihre Eltern erleben und keine Perfektionisten. Wir alle haben unsere Grenzen und unser Nervensystem ist einfach manchmal überlastet und dann schaltet auch der präfrontale Cortex von uns Eltern ab.
Reparatur ist wichtiger als Perfektion
Was wirklich zählt, ist nicht, dass du nie laut wirst. Was zählt ist, dass dein Kind sich sicher fühlt und weiss, dass auch eine Explosion nicht das Ende aller Tage ist und vor allem, dass du es trotzdem liebst.
Nach einem Moment, in dem du lauter wurdest als gewollt und dich blöd verhalten hast, hast du eine unglaublich wertvolle Möglichkeit: Du kannst deinem Kind zeigen, wie Reparatur funktioniert.
So könnte das aussehen:
Du gehst zu deinem Kind (sobald ihr beide etwas ruhiger seid) und sagst:
"Vorhin habe ich geschrien und gemeine Sachen gesagt (am besten benennen was genau). Das war nicht ok. Ich war überfordert und mein Körper hat reagiert, bevor ich nachdenken konnte. Es tut mir leid."
Oder:
"Ich habe vorhin Dinge gesagt, die verletzend waren. Ich war gestresst, aber das ist keine Entschuldigung. Es tut mir leid."
Was dein Kind dabei lernt
Wie gut es tut, wenn man wieder Frieden schliesst und sich ausspricht. Das lehrt sie sehr viel darüber, wie man Konflikte lösen kann und Zerbrochenes wieder kitten:
- Auch Erwachsene machen Fehler und das ist ok
- Man kann Fehler wiedergutmachen, Beziehungen können repariert werden
- Gefühle sind menschlich, auch unangenehme
- Es gibt einen Unterschied zwischen Fehler machen und schlechter Mensch sein
- Verantwortung übernehmen sieht so aus
Kinder, die Reparatur erleben, werden selbst zu Menschen, die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen können. Die sich entschuldigen und Beziehungen pflegen können.
Untergräbt das nicht meine Autorität?
Manche Eltern haben Angst, dass eine Entschuldigung ihre Autorität untergräbt, doch das Gegenteil ist der Fall.
Kinder respektieren Eltern, die zu ihren Fehlern stehen, mehr als Eltern, die so tun, als wären sie unfehlbar. Denn diese Eltern können sie ernst nehmen und sie wissen, woran sie bei ihnen sind.
Eine Entschuldigung bedeutet nicht: "Du darfst jetzt machen, was du willst." Sie bedeutet: "Ich sehe dich. Ich sehe, dass mein Verhalten dich verletzt hat. Und ich arbeite daran, es besser zu machen."
Vorsicht vor "falschen Entschuldigungen"
Keine echte Reparatur:
- "Es tut mir leid, ABER du hast mich dazu gebracht!"
- "Wenn du beim ersten Mal gehört hättest, hätte ich nicht schreien müssen."
- "Tut mir leid, ok? Können wir jetzt weitermachen?"
Echte Reparatur:
- Verantwortung übernehmen, ohne "aber"
- Das Verhalten benennen, das nicht ok war
- Keine Rechtfertigung
- Dem Kind Zeit geben, die Entschuldigung anzunehmen (oder auch nicht)
Dein Kind muss deine Entschuldigung nicht (sofort) annehmen. Vielleicht ist es noch verletzt und braucht Zeit. Manche Kinder wollen auch erst viel später in einem ruhigen Moment darüber sprechen. Du kannst auch einfach deine Entschuldigung anbringen ohne eine Reaktion von deinem Kind zu erwarten.
Was, wenn es immer wieder passiert?
Wenn du merkst, dass du sehr oft laut wirst oder Dinge sagst, die du bereust, ist das ein Signal: Dein System ist überlastet oder du bringst alte Trigger oder Wut von früher mit, welche dir das Leben schwer macht.
Wenn du dir Unterstützung im Umgang damit wünschst, dann melde dich sehr gerne bei mir. Ich begleite viele Eltern im Umgang mit ihrer Wut und den Triggern, die uns so sein lassen, wie wir nicht sein möchten. Du findest auf dieser Website meine Angebote oder du kannst mich auch einfach direkt kontaktieren: goni@mamaleicht.ch.
Wenn Standardstrategien nicht greifen
Manchmal machst du alles "richtig" und es funktioniert trotzdem nicht. Besonders bei gefühlsstarken, hochsensiblen oder neurodiversen Kindern kann das passieren. Dann lohnen sich weiter Überlegungen und auch der Versuch anders mit der Situation umzugehen, Häufig ist dabei weniger mehr.
Kommst du an einer bestimmten Stelle nicht mehr vom Fleck und wünschst dir einen Input? Ich begleite Eltern unkompliziert per E-Mail oder Messenger und beantworte deine konkreten Fragen und begleite dich bei euren persönlichen Herausforderungen. Hier findest du mehr zu der flexiblen Begleitung per E-Mail oder Messenger.
Was du in Bezug auf besonders sensible Kinder im Hinterkopf haben solltest und was helfen kann:
- Sensorische Überlastung: Reizarme Umgebung und Rückzugsmöglichkeiten bieten, keine zusätzlichen Anforderungen stellen, körperliche Nähe oder Abstand; je nachdem, was das Kind braucht
- Transitionsschwierigkeiten: Vorwarnen (in 10 Minuten gibt es Essen, 5, 3, 1), visuellen Timer nutzen, Rituale etablieren, genug Zeit einplanen
- Kind blockt ab: Druck rausnehmen, Stille aushalten, präsent bleiben ohne zu fordern, warten bis das Kind sich wieder öffnet
Ein häufig vergessener Punkt: Deine eigenen Trigger
Das ist vielleicht der am meisten unterschätzte, herausforderndste, aber auch der gewinnbringendste Punkt, finde ich.
Wenn dein Kind "nicht hört", triggert dich das. Vielleicht fühlst du dich:
- Nicht ernst genommen
- Hilflos
- Inkompetent
- Ohnmächtig
- Beschämt (besonders, wenn andere dabei sind)
- Wütend
Diese Gefühle sind keine Reaktion auf das aktuelle Verhalten deines Kindes, sondern auf etwas in dir. Das Kind ist nicht die Ursache deiner Wut, es ist der Auslöser.
Wichtig: Hier geht es um eine extreme, getriggerte Reaktion. Bei "normal-level" Wut ist es natürlich möglich, dass dein Kind etwas tut, was es nicht sollte und deine Grenzen überschreitet, Werte mit Füssen tritt oder deine Bedürfnisse keinen Platz haben. Dann ist es gesund wütend zu sein und für dich einzustehen. Doch darum geht es hier nicht.)
Die Ursache liegt irgendwo in deiner eigenen Geschichte:
- Musstest du als Kind sofort gehorchen?
- Wurdest du bestraft, wenn du nicht schnell genug reagiert hast?
- Hast du gelernt, dass du als Elternteil "alles im Griff haben musst"?
- Fühlst du dich bewertet von aussen?
Reflektionsfragen:
- Was genau triggert mich? (Nicht "wenn mein Kind nicht hört", sondern spezifischer: "Wenn ich mich wiederholen muss" oder "Wenn ich das Gefühl habe, nicht ernst genommen zu werden")
- Welches Gefühl taucht auf? (Hilflosigkeit? Scham? Wut?)
- Woher kenne ich dieses Gefühl? (Gab es Situationen in deiner Kindheit, in denen du dich ähnlich gefühlt hast?)
- Was brauche ich, um mit diesem Gefühl anders umzugehen?
Dein innerer Kritiker:
Oft meldet sich in solchen Momenten auch der innere Kritiker oder die innere Kritikerin:
- "Du kriegst nicht mal dein eigenes Kind dazu, die Schuhe anzuziehen!"
- "Andere Mütter schaffen das doch auch!"
- "Du bist zu weich / zu streng / zu inkonsequent."
Diese innere Person ist in dieser Situation nicht hilfreich, weil dich das zusätzlich stresst. Diese Stimme möchte dich jedoch vor etwas schützen oder dir etwas ermöglichen. Meist sind diese irgendwann in unserer Geschichte entstanden.
Hier würde es zu weit führen ins Detail zu gehen. Möchtest du mit deiner inneren Kritikerin und weiteren Mitgliedern deines "inneren Teams" sprechen? Dann melde dich sehr gerne bei mir: goni@mamaleicht.ch.
So kannst du deiner inneren Kritikerin begegnen:
Nimm wahr, dass sie da ist. Sag innerlich: "Ah, da spricht wohl meine innerere Kritikerin. Danke, dass du mich beschützen möchtest. Aber gerade passt das nicht."
Zusammenfassung: Die 7 wichtigsten Punkte
- Verstehe deine Hauptaufgabe: Du musst dein Kind nicht erziehen, sondern einen sicheren Rahmen schaffen.
- Was tun statt laut werden: Lege dir alternative Möglichkeiten zurecht, die du immer zur Hand hast.
- Dein Kind verhält sich wie ein Kind: Es tut nichts gegen dich, immer nur für sich.
- Baue echte Verbindung auf: Hingehen, berühren, Augenhöhe, erst kommentieren, dann Anliegen vorbringen.
- Keine Wiederholungen: Wiederholungen trainieren dein Kind darauf, dich beim ersten Mal zu ignorieren.
- Einfache Worte, klare Ansagen: Je kürzer und klarer, desto besser.
- Perspektivenwechsel: Wie würde es dir in dieser Situation gehen?
Und: Schau auf deine eigenen Trigger. Wenn du verstehst, warum dich etwas so sehr aufregt, kannst du anders damit umgehen.
Weniger kämpfen – mehr verstehen
Elternschaft fühlt sich manchmal an wie ein Labyrinth. Du suchst nach dem richtigen Weg, aber ständig läufst du gegen Wände.
Die vier Werkzeuge, die ich dir gezeigt habe – Kompass (innere Klarheit), Karte (Selbstregulation), Brücke (Verbindung) und Lampe (langfristige Strategien) – helfen dir, leichter durch dieses Labyrinth zu navigieren.
Wünschst du dir Unterstützung auf diesem Weg?
Manchmal hilft es, jemanden an der Seite zu haben, der mit dir gemeinsam schaut: Was braucht dein Kind? Was brauchst du? Und wie könnt ihr das in eurem Alltag leben?
Im E-Mail-Coaching bekommst du konkrete, auf euch zugeschnittene Impulse für eure individuellen Herausforderungen – flexibel und ohne feste Termine.
Häufig gestellte Fragen: Wenn dein Kleinkind nicht hört
Ab welchem Alter können Kinder wirklich "hören"?
Kinder können von Geburt an (und auch schon vorher) hören, aber verstehen und umsetzen sind zwei verschiedene Dinge. Der präfrontale Cortex, der für Impulskontrolle und Planung zuständig ist, entwickelt sich bis ins junge Erwachsenenalter. Bei Kleinkindern (2-3 Jahre) ist es völlig normal, dass sie Anweisungen nicht sofort umsetzen können, selbst wenn sie sie gehört haben.
Warum hört mein Kind erst, wenn ich laut werde?
Das kann verschiedene Gründe haben: Vielleicht hat es dich nicht gehört oder es hat dich zwar gehört, kann aber gerade nicht das tun, was du erwarten würdest. Oder aber es hat gelernt erst dann zu hören, ein klassischer Lerneffekt: Wenn du dich mehrmals wiederholst und erst beim fünften Mal (laut) ernst genommen wirst, lernt dein Kind unbewusst: "Meine Mama oder mein Papa meint es erst ernst, wenn er oder sie laut wird." Die Lösung: Keine Wiederholungen. Stattdessen hingehen, Verbindung aufbauen, klar kommunizieren.
Ist es normal, dass mein hochsensibles Kind öfter "nicht hört"?
Ja. Hochsensible Kinder nehmen mehr Reize wahr und sind schneller überlastet. Was wie "nicht hören" aussieht, ist oft ein überfordertes Nervensystem, das keine weiteren Informationen mehr aufnehmen kann. Sie brauchen erst Regulation, bevor Kooperation möglich ist.
Was mache ich, wenn mein Kind mit ADHS gar nicht reagiert?
Kinder mit ADHS haben oft Schwierigkeiten mit Übergängen und können sich unglaublich intensiv auf etwas konzentrieren - "Hyperfokussierung" – wenn sie in etwas vertieft sind, existiert dann die Aussenwelt nicht mehr. Das ist neurologisch bedingt und kein absichtliches ignorieren. Hilfreiche Strategien: Vorwarnen, visuelle Timer, Visualisierungen statt verbaler Anweisungen, gemeinsam machen statt nur sagen. Und auf die aktuellen Tätigkeiten des Kindes Rücksicht nehmen, wenn möglich.
Schadet Schreien meinem Kind wirklich?
Schreien versetzt Kinder in den Notmodus (Fight-Flight-Freeze). Der Körper schüttet Stresshormone aus, die Kinder nicht einfach abbauen können. Die erzieherische Wirkung bleibt aus, weil das Kind aus Angst reagiert statt aus Verständnis. Langfristig lernt es: In Stress schreien ist normal. Die gute Nachricht: Reparatur nach einem lauten Moment ist extrem wertvoll.
Wie kann ich aufhören mein Kind anzuschreien?
Der erste Schritt: Verstehe, warum du schreist; ist es ein Trigger oder eine Prägung aus der eigenen Kindheit? Bist du überlastet? Fehlen der alternative Handlungsmöglichkeiten? Zweiter Schritt: Lege dir alternative Kommunikationswege zurecht ("Ich merke, ich werde gleich laut. Ich brauche eine Pause."). Dritter Schritt: Übe Selbstregulation. Und wichtig: Sei nachsichtig mit dir, denn Perfektion ist nicht das Ziel, gutes Fehlermanagement ist etwas, was man Kindern vorleben kann.
Mein Kind ignoriert mich absichtlich – oder?
Nein, sehr wahrscheinlich nicht. Was wie absichtliches Ignorieren aussieht, hat meist andere Gründe: Das Gehirn ist noch nicht ausgereift, das Kind ist überfordert, es kann Anweisungen nicht in Teilschritte zerlegen, es ist sensorisch überlastet, oder es ist so vertieft ins Spiel, dass es dich neurologisch nicht wahrnehmen kann.
Was ist der wichtigste Tipp, wenn mein Kind nicht hört?
Verbindung vor Anweisung. Geh zu deinem Kind hin, berühre es sanft, geh auf Augenhöhe, kommentiere erst, was es gerade tut ("Oh, der Bagger ist schwer beladen!"), und bringe dann dein Anliegen vor. Ohne Verbindung keine Kooperation. Und gehorchen ist nicht dasselbe wie Kooperation; Kooperation ist immer beidseitig.
Artikel von März 2023, Update Januar 2026
Goni Boller ist Mentorin und Coach für Mütter, die einen gelasseneren und klareren Umgang mit ihren bedürfnisstarken und vielseitigen Kindern finden möchten. Sie unterstützt Eltern dabei, herausfordernde Situationen besser zu meistern, mehr Ruhe und Sicherheit im Familienalltag zu gewinnen und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder im Blick zu behalten. Mit ihrem Wissen aus Hirnforschung, Neurodiversität, Psychologie und der kindlichen Entwicklung begleitet sie Mütter auf ihrem individuellen Weg, ein achtsames und stärkendes Familienleben zu gestalten.